Putzen mit der schwarzen Madonna
Manchmal schauen ihre feinen Ohrmuscheln ein bisschen durch ihr wallendes Haar, dann sieht sie aus wie eine Elbenprinzessin aus den Feenwäldern von Mittelerde. Fast.
Wenn sie nicht so angespannt die Stirn runzeln würde.
Außer dem Betreuten Einzelwohnen hat die schwarze Madonna einen gesetzlichen Betreuer, bei dem sie wöchentlich ihr Haushaltsgeld abholt, und eine Sozialstation, die ihr morgens und abends ihre Medikamente gibt.
Sie ist das, was wir eine „niedrigschwellige“ Klientin nennen. Das heißt übersetzt, dass wir im Betreuten Einzelwohnen keine großen Ansprüche an sie stellen. Meine Aufgabe ist es, ganz regelmäßig den Kontakt zu ihr zu halten und sie behutsam zu stabilisieren. Mehr nicht.
Für mich gehört das zu den schwereren Herausforderungen. Es ist so verführerisch, sich einzumischen. Es wäre auch einfacher. Diese ganze Zurückhaltung und Vorsicht kostet viel mehr Konzentration und Selbstbeherrschung als man das von außen so mitkriegt. Nicht zu vergessen die endlose Geduld, die man dafür aufbringen muss.
Aber bei der schwarzen Madonna hat es sich gelohnt. In winzigen Schrittchen wurde eine Besserung sichtbar. Früher hat sie im psychotischen Schub schon mal ihre Wohnung komplett zertrümmert oder Leute angegriffen. Eine Klinikeinweisung ging grundsätzlich mit dramatischen Polizeiaktionen und richterlichen Zwangsanordnungen einher.
Durch das Betreute Einzelwohnen legte sich nach und nach die Dramatik.
Zuerst ging sie dazu über, „harmlosere“ Zwangeinweisungen zu provozieren.
Heute reicht es, wenn ich bei ihr vorbei gehe und sage: „Frau Hoch, es ist mal wieder so weit. Ich erkenne Ihre Krisenzeichen. Am Besten, Sie packen jetzt ihre Tasche und wir fahren zusammen in die Klinik.“ Dann sagt sie: „Ja, ist gut.“ Und kommt ganz friedlich mit mir mit.
Dadurch sind ihre Klinikaufenthalte kürzer geworden. Und sie werden langsam seltener.
Jetzt gerade ist sie wieder in der Klinik, und ich besuche sie dort regelmäßig.
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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Meine erste aufgebrochene Tür
Meine Kollegen haben aufgeschrieben, dass die Sozialstation Glückauf angerufen hat, zwei mal schon. Wegen Frau Nöte.
Die Sozialstation Glückauf soll Frau Nöte zweimal täglich ihre Medikamente verabreichen, und ihr zweimal wöchentlich beim Putzen helfen.
Frau Nöte hat heute Morgen für die Medikamente die Tür nicht geöffnet, und heute Vormittag fürs Putzen auch nicht.
Hm.
Ich bin eh schon besorgt.
Gestern bei meinem Hausbesuch hat Frau Nöte mir überhaupt nicht gefallen. Sie konnte gar nicht richtig sprechen. Hilflos und zitternd saß sie auf ihrem Sofa und sah mich aus panikgeweiteten Augen an. Es kam mir so vor, als wüsste sie auch nicht, welchen Wochentag oder welche Tageszeit wir haben.
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Filmfestival Ausnahmezustand
Veranstaltet wird das Filmfestival vom Leipziger Verein Irrsinnig Menschlich e.V. und den Berliner Programm- Machern EYZ mit ihrem Kinoverleih BFILM.
Sie "wollen Menschen ins Gespräch bringen, zu einem Thema, das uns Angst macht, das wir tabuisieren, über das wir in der Öffentlichkeit nur ungern sprechen: Psychische Erkrankungen. Dabei ist jeder dritte Mensch einmal in seinem Leben davon betroffen.
Beunruhigend: Obwohl das Wissen der Bevölkerung über psychische Krankheiten in den letzten Jahren zugenommen hat, ist die öffentliche Einstellung gegenüber Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen noch ablehnender geworden"
Unterstützt wird das Festival von der Aktion Mensch und dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
Es werden acht aktuelle Dokumentationen aus Deutschland, den USA, Frankreich, Schweiz, Italien und Norwegen gezeigt, in herausragender digitaler Qualität.
In den Kinos kann das Publikum mit Menschen, die psychische Krankheit durchgemacht haben, Angehörigen und Experten diskutieren.
Festivalpartner vor Ort sind Selbsthilfegruppen, Verbände, Organisationen und Einrichtungen, die sich für die Erhaltung der seelischen Gesundheit engagieren.
Infos unter www.ausnahmezustand-filmfest.de
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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Scharmützel
Später am Tag ruft sie bei uns im Büro an. Das ist bemerkenswert, weil das sonst nie vorkommt. Sie klingt munter und guter Dinge. „Hallo Frau Tüchtig, wissen Sie denn gar nicht, dass ich im Krankenhaus bin?“
Weiß ich nicht.
Ich bin überrascht.
Beim letzten Termin wirkte sie nicht im Geringsten psychotisch, und auch jetzt klingt sie nicht so. Ich fahre noch am gleichen Nachmittag in der Klinik vorbei.
Beim ersten Anblick kriege ich einen Schreck. Frau Blank sieht richtig schlimm aus. Sie hat ein Pflaster an der Schläfe und ein geschwollenes, blutunterlaufenes Auge. Ist sie etwa verprügelt worden?
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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Über das Schweigen
Manchmal gibt es Klienten, die nicht sprechen. Das ist schwer. Wir versuchen dann, ob wir gemeinsam etwas tun können, ohne viel zu reden: spazieren gehen, aufräumen, renovieren, basteln, irgendwas.
Wenn das auch nicht geht, wird es ganz schwer. Dann fragen wir uns manchmal: Wozu sind wir eigentlich hier? Was will der Klient von uns?
Da sitzen wir mit unserem Klienten. Er ist offensichtlich verstört, und wir werden langsam auch immer verstörter. Und nun?
Eine meiner ersten Klientinnen war so.
Ich war unerfahren und ungeschickt, und sie war stumm. Beinah. Sie schaute mich niemals an. Wenn ich zu ihr sprach, sah sie starr an mir vorbei ins Leere. Wenn ich sie etwas fragte, waren die Antworten maximal zwei Silben lang. Maximal.
"Ja." -- "Nein." -- "Okay." -- "Weiß nicht."
Und wieder Schweigen.
Da fängt man als Sozialarbeiterin an, wie wild zu denken.
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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Schwierige Anfänge
Wir vom Betreuten Einzelwohnen sind Teil der "psychiatrischen Pflichtversorgung". Das bedeutet, ähnlich wie ein Krankenhaus müssen wir alle Klienten aufnehmen, die für diese Hilfeform geeignet sind und sie brauchen. Bis alle unsere Plätze besetzt sind.
Dann gibt es manchmal Wartezeiten.
Dieses Mal habe ich einen Platz frei und bin an der Reihe. So kommt Herr Jung zu mir.
Wieder ein neues Amerika!!!!
Ich erfahre, dass Herr Jung erst 25 Jahre alt ist.
Er ist von der Uniklinik am anderen Ende der Stadt bei uns angemeldet worden.
Er war das erste Mal in der Psychiatrie, hat aber schon eine längere Drogenkarriere hinter sich, mit Alkohol und Cannabis. Zurzeit ist er noch in der Uniklinik. Das Erstgespräch soll dort stattfinden.
Unsere Erstgespräche machen wir immer zu zweit, möglichst ein Mann und eine Frau, weil Männer und Frauen unterschiedliche Sachen beobachten. Außerdem gehen immer diejenigen mit, die auch einen Platz frei haben, so dass ein neuer Klient nicht mit allzu vielen Gesichtern konfrontiert wird. Und damit er nicht alles drei Mal erzählen muss.
Roger meldet sich, er hätte Zeit und auch einen Vertretungsplatz frei, und würde mit mir zusammen da hin fahren.
Das freut mich. Roger mag ich gerne.
Ich rufe in der Uniklinik an und mache einen Termin aus.
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Apropos Fragen Sie Ihren Arzt...
Meinen Lieblingshausarzt habe ich leider an die Politik verloren, also habe ich mich in meinem Wohnumfeld umgeschaut und den nächsten besten Hausarzt ausprobiert.
Der Hausarzt hat Logorrhöe, ich schwöre es. Er hat mich skrupellos vollgequatscht, mit lauter Dingen, die überhaupt nichts mit meinem Ausschlag zu tun haben. Ich bin jetzt Bestens über seine Meinung zu Wohnungsgesellschaften, Hartz IV, Mieterhöhungen und der allgemeinen politischen Lage informiert. Nur mit Mühe konnte ich seinen Gesprächsfluß auf mein eigentliches Anliegen lenken. Ich unterbrach ihn schließlich mitten in einer philosophischen Ausführung mit dem Hinweis, dass ich heute nochmal zur Arbeit muß.
Er schrieb mir dann ohne weitere Untersuchung eine Überweisung zum Dermatologen auf, und ein Medikament, das ich mir auf Privatrezept (selber zahlen!) in der Apotheke besorgen sollte.
In der Apotheke wurde mir etwas bang. Ich habe gehört, dass Antiallergika manchmal das eigene Immunsystem bremsen. Das könnte ich gerade nicht gut gebrauchen. Mein Immunsystem ist immer noch eifrig mit Fußreparaturen beschäftigt und wird dafür auch gebraucht.
Ich frage die Apothekerin also, wie das aufgeschrieben Medikament denn wirkt. Sie schaut in den Computer und sagt: "Das ist gegen Herzbeschwerden und hohen Blutdruck." - "Wie bitte?" Frage ich nach. Tatsächlich.
Ein Glück habe ich nachgefragt. Mein Blutdruck ist per se eher niedrig. Wenn ich das eingenommen hätte... Es ist auch so gar nicht das, was ich brauche.
Ich rufe den Hausarzt an. "Ach, herrjeh," sagt er fröhlich, "da bin ich im Computer wohl in der Zeile verrutscht. Na, das macht nix, ham Sie was zu Schreiben, ich sage Ihnen, wie das eigentlich heißt:" - "Danke, nicht nötig:" Sage ich und lege den Höhrer auf.
Von einer Freundin mit Neurodermitis lasse ich mir dann die richtigen Medikamente durchgeben. Sie helfen auch prima. Das nächste mal spare ich mir den Arzt gleich.
Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Action!!!
Es ist Mittag im Büro. Mein nächster Klient ist gerade zum Einzelgespräch erschienen, und ich kämpfe tapfer gegen ein Kreislauftief an.
Während ich hin und her laufe und Kaffeetassen in den Gesprächsraum trage, klingelt das Telefon.
Eine Krankenschwester von der B- Klinik Station 13 meldet sich.
Ich erfahre von ihr, dass meine Klientin Frau Wirr morgen früh in die Reha verlegt werden soll, nach Unterdorf. Das ist ungefähr eine Stunde Zugfahrt von Oberstadt entfernt.
Ich finde es sehr nett, dass sie mich darüber informiert. Wir sind an diesem Punkt so gar nicht verwöhnt. Ich habe vor einigen Wochen aus Versehen eine Tür aufbrechen lassen, während die Klientin schon lange in der Klinik war. (Diese Geschichte wird auch noch erzählt!)
Die Krankenschwester sagt, Frau Wirr hat keine Kleidung mehr, sie bräuchte bis morgen dringend ein paar Klamotten.
Ich setze mich erst mal.
„Das ist aber verdammt kurzfristig!“ sage ich zu der Schwester. „Kann Ihnen so was nicht ein bisschen früher einfallen?“ Die Schwester stottert ein bisschen und behauptet, sie hätten das auch gerade erst erfahren.
Ich könnte jetzt nachfragen.
Ich könnte meine Energie aber auch sinnvoller einsetzen.
„Ich weiß nicht, ob ich da heute noch was machen kann.“ Sage ich streng zu der Schwester. Vorsichtshalber.
Derweil rattert es schon in meinem Kopf.
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Mein Hallux Valgus, das Gesundheitswesen und ich. 1.Teil
Ich habe gehört, das ist so etwas wie eine Volkskrankheit, viele haben das. Der Ballen vorne bei den Zehen wird immer breiter, der große Zeh wird schief, irgendwann kann man keine normalen Schuhe mehr tragen und alles tut weh.
Mein linker Fuß tat mir sehr weh, und im Sommer konnte ich keine Sandalen mehr tragen.
Auf einer Party zeigten mir Bekannte, die das auch hatten, ihre Füße. Sie hatten sich operieren lassen und waren jetzt sehr zufrieden.
Ich sprach mit meinem Hausarzt. Der fand eine Operation richtig und angemessen und empfahl mir einen Orthopäden, den er für kompetent und erfahren hielt. Mein Hausarzt war prima und ich hielt große Stücke auf seine Meinung. Also ging ich zu diesem Orthopäden.
Der Orthopäde empfahl mir eine Lapidus- Arthrodese.
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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Vom Türen Aufbrechen. 1. Teil
Wenn jemand eine fremde Tür aufbricht, dann ist er entweder ein Einbrecher, oder er arbeitet bei der Feuerwehr.
Deswegen brechen wir Sozialarbeiter auch keine Türen auf. Aber wir sind vor Ort und kennen unsere Klienten. Wenn wir denken, dass Gefahr im Verzug ist, müssen wir die ganze Kette in Gang setzen, die manchmal damit endet, dass eine Tür aufgebrochen wird. Das ist nicht schön, und es kommt Gott sei Dank nicht allzu häufig vor.
Wenn eine Tür aufgebrochen wird, ist das immer ein spektakuläres und dramatisches Ereignis, für alle Beteiligten.
Und nachher hat man das Problem, wer die Tür repariert.
Wenn unsere Klienten in einer schlimmen Krise sind, versuchen wir deswegen beharrlich, Kontakt aufzunehmen, so lange, bis derjenige doch noch die Tür öffnet. Meistens schaffen wir es auch. Wir schaffen es auch oft, ihn zu überreden, freiwillig in die Klinik zu gehen, bevor es ganz schlimm wird. Aber nicht immer.
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