Vorsicht: bissig.
Heute
in der WELT zu lesen:
Regierungen sollten den Einsatz von Fortpflanzungstechnologien zur Steigerung der Geburtenraten in Erwägung ziehen, sagte der Vorsitzende des unabhängigen Forschungsinstituts RAND Europa, Jonathan Grant, bei einer Tagung in Prag. Im Schnitt haben europäische Frauen inzwischen weniger als zwei Kinder. Dabei reicht die Spanne der Geburtenraten von 1,9 Kindern in Frankreich und Irland bis zu 1,3 in Spanien und Italien. In Deutschland liegt die Geburtenrate bei etwas über 1,3 Prozent. Demographen zufolge müßte statistisch gesehen aber jede Frau 2,1 Kinder bekommen, damit die Bevölkerungszahl konstant bleibt.
Hallo?
Realität an Politik und Forschung? Was auch schon in den Köpfen von Leuten wie der
Bundesfortpflanzungsministerin nicht angekommen zu sein scheint: auf diesem Planeten herrscht
kein Mangel an Kindern,
im Gegenteil.
Die Weltbevölkerung (ist) seit 1999 um mehr als eine halbe Milliarde gewachsen. Und sie wächst weiter: alle zwei Sekunden um fünf Menschen. Das sind mehr als 1,5 Millionen pro Woche und etwa 80 Millionen jährlich. Fast so viele Menschen, wie Deutschland Einwohner hat. 95 Prozent dieses Wachstums findet in den Entwicklungsländern statt. - Quelle: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung
Das Problem ist also keineswegs, dass es nicht genug Kinder gibt, sondern dass diese nicht bei uns leben. Und unsere Einwanderungspolitik hindert Menschen aus armen Ländern mit Kindern daran, bei uns zu leben. Der Umkehrschluß ist dann wohl, dass nur europäische Kinder gute und gewollte Kinder sind. Und statt die existierenden Kinder dieser Welt mit dem auszustatten, was sie zum Leben - zum Beispiel bei uns - benötigen, ist es natürlich viel besser das Geld dafür auszugeben, mit teurer Medizintechnik ein paar Extra-Wunschkinder zu erzeugen.
Unser ohnehin hoch belastetes Medizinsystem wird dafür nicht finanziell gerade stehen können. Aber die Kosten der künstlichen Befruchtung könnte man wie die Renten einfach auf die vorsätzlich und böswillig kinderlosen Steuerzahler umlegen, die für dieses Gemeinwesen ja nur das Geld erarbeiten...
Liebe Politiker, und sehr geehrter Herr Grant, es gibt Gründe warum Menschen wie ich keine Kinder bekommen. Ihre Politik ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Gründe. Da hilft auch keine Fruchtbarkeits-High-Tech - die sich ohnehin wieder nur die
Begüterten und Privatversicherten leisten können). Denn für Kinder will der Staat nichts ausgeben:
Die im Januar in Kraft getretene Sozialreform Hartz IV betrifft zunehmend auch Minderjährige. Die Zahl der Kinder, die von Sozialhilfe leben, hat sich nach Angaben des Kinderschutzbundes seither von einer auf zwei Millionen verdoppelt. -- Quelle: SPIEGEL
Fragen wie die der Kindermitversicherung oder einer steuerfinanzierten Kinder-Krankenversicherung (und mehr Kinder brauchen mehr Leistungen, auch in der Ausbildung) zeigen ebenso deutlich den politischen Willen, für mehr Kinder in Deutschland zu sorgen...
Womit wir wieder beim Punkt sind - arme Kinder sind hier unerwünscht... (ach und übrigens: Renten bezahlen immer noch sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer, nicht Kinder, für die in diesem Land ebenfalls keine Arbeit vorhanden wäre...)
Aber zurück zur
Original-Studie von RAND.
Aus dem Abstract:
An earlier investigation by RAND Europe found various policies aimed at offsetting ageing populations in place across Europe. The three main options are increasing immigration, reforming the welfare state and raising fertility rates. Increasing immigration will not provide a long-term solution. The sheer number of immigrants needed to compensate for population ageing would be politically unacceptable, and, while immigrants might contribute to the workforce for a while, they too will eventually reach retirement age and become part of the problem rather than part of the solution.
Hier scheint deutlich die Angst vor der 'Überfremdung' durch. Weil das Aufnehmen fremder Menschen politisch vielleicht schwierig sein könnte, ist es also wünschenswerter, weiterhin daran zu arbeiten, daß die Erde im Jahr 2050 neun Milliarden Einwohner haben wird . Dazu fällt mir nichts mehr ein. Und das Argument, daß auch Immigranten irgendwann ja älter werden (
nein, wirklich?) ist völlig bescheuert. Auch jetzt gezeugte Kinder werden irgendwann älter. Immigranten aus armen Nationen bringen Kinder mit und haben familiäre Strukturen, die sie nicht hindern, weiter Kinder zu bekommen.
Nochmal: es gibt mehr als genug Menschen auf diesem Planeten. Wir könnten unsere Kapazitäten an medizinischer Forschung wie Finanzen für die gesamte Menschheit nutzbringender einsetzen als dazu, mehr deutsche Kinderlein zu produzieren.
Und bringt künstliche Befruchtung bzw. moderne Fruchtbarkeitstechnologie wirklich den gewünschten Anstieg der Fertilität, wie es die RAND-Studie suggeriert?
Laut
Wikipedia sind die Aussichten wenig berauschend.
In Deutschland wurden im Jahre 2003 etwa 20.000 Kinder nach Insemination, IVF oder ICSI geboren, also etwa 2 % aller geborenen Kinder insgesamt. Im Jahre 2004 haben sich nach der Gesundheitsreform nur noch halb so viele Paare behandeln lassen, da die gesetzlichen Krankenkassen nur noch die Hälfte der Kosten übernehmen.
Behandeln lassen sich aber ohnehin nur die Leute, die Kinder wollen, also auch schon heute Kinder wollen, und da liegt imho der Hund begraben. Wir haben
nicht "zu wenige" Kinder weil wir alle unfruchtbar sind, sondern weil die meisten von uns keine Kinder möchten - sei es weil ihnen der Partner oder schlicht das Geld dafür fehlt, sei es weil die sozialen und politischen Gegebenheiten in Europa einschließlich der Problematik einer langdauernden hochwertigen Ausbildung nebst Life Long Learning, und die Anforderungen der modernen Arbeitswelt es erheblich erschweren mit Familie zu existieren.
Noch ein ganz anderer Punkt:
ich gönne jeder Familie, die durch medizinische Hilfe ihr Wunschkind bekommen konnte, aus tiefstem Herzen ihr Familienglück. Aber gerade im Bereich der künstlichen Befruchtung muß man sich auch fragen, ob es sinnvoll ist der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Vielleicht hat es ja auch gute biologische (genetische) Gründe, warum zwei Menschen sich miteinander nicht vermehren (können). Oder weshalb Gott (aus vermutlich gutem Grund) seinen Kindersegen nicht ausgeschickt hat und ob man Gott ins Handwerk pfuschen darf...
Wednesday, June 21. 2006 at 16:57 (Link) (Reply)
Also bitteschön dann noch Fruchtwasseruntersuchung damit man sich später nicht sagen lassen muß man hätte es doch gefälligst wegmachen lassen sollen, wenn man Anträge bei dem Ämtern einreicht.
Wednesday, June 21. 2006 at 17:56 (Link) (Reply)
Künstliche Befruchtung sollte immer eine Nische für Spezialfälle bleiben.