Auch wenn alternative Medizin, darunter besonders die Phytotherapie, als "sanftere" Methode gilt, sollte man vorsichtig sein, wenn man konventionelle Medikation und Naturheilverfahren mischt, meinen zumindest Forscher des
McGill University Health Centre (MUHC) in Montreal.
Ganz besonders gilt das, wenn man sehr starke und massiv mit (Neben-) Wirkungen behaftete Medikamente einnimmt. In dem Fall, der die Forscher zu ihrer Warnung veranlasste, war ein Patient, der nach einer Herz-OP einen Gerinnungshemmer (Warfarin) nehmen musste, nach dem Verzehr von Kamllentee mit schweren inneren Blutungen eingeliefert worden.
Warfarin is derived from coumarin, a chemical compound with anti-coagulant properties found in many plants, including chamomile. "It seems the chamomile acted synergistically with the warfarin in this case," says Dr. Pilote. -- Quelle: medicalnewstoday.com
Offensichtlich hat hier der Tee die gerinnungshemmende Wirkung des Cumarinderivats verstärkt. Andere Lebensmittel, die solche Wirkungen verstärken können, sind zum Beispiel Wolkenohrpilze, Knoblauch und Ingwer.
Kamillentee wird gern gegen Übelkeit und Verdauungsbeschwerden und als Einschlafhilfe eingesetzt und ist auch in Krankenhäusern durchaus ein übliches Getränk. Sicherheitshalber warnen die Wissenschaftler auch vor dem Gebrauch von Kamillenlotion, wenn man Gerinnungshemmer einnimmt.
Das zeigt wieder einmal sehr schön, dass auch unsere Nahrung einen erheblichen Einfluß auf unser Wohlbefinden hat und es mit einer bloßen Medikamentengabe keinesfalls getan ist.
Sunday, May 14. 2006 at 14:25 (Link) (Reply)
Monday, August 6. 2007 at 16:14 (Link) (Reply)
1. Beschrieben wird ein Fallbeispiel. Da kommen für das beobachtete Phänomen immer noch dutzende anderer Ursachen in Frage.
2. Warfarin ist ein dimeres Cumarin. Es wirkt blutgerinnungshemmend, kommt in der Pflanzenwelt aber nicht vor. In den Pflanzen hat es einfache Cumarine, die nicht blutgerinnungshemmend wirken. Ein dimeres Cumarin entsteht, wenn zwei einfache Cumarine sich zusammenschliessen (dimerisieren). Das kann geschehen, wenn Pflanzenmaterial, das einfache Cumarine enthält (z.B. Steinklee) im Silo bei feuchtem Klima gelagert wird. Unter Einwirkung gewisser Bakterienstämme kann es so zu Dimerisierung kommen. Kühe, die mit solchem Futter ernährt wurden, zeigten Vergiftungserscheinungen mit verstärkter Blutungsneigung ("Sweet clover disease"). Aufgrund solcher Zwischenfälle entstand die Idee, dass dimere Cumarine blutgerinnungshemmende Eigenschaften haben. Das war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Medikamente vom Typ Warfarin u.a.
Die Meldung aus Kanada zeigt meines Erachtes nur, dass die Autoren keine Ahnung haben von Pflanzeninhaltsstoffen und ihren Wirkungen. Sie schmeissen einfache Cumarine, wie sie auch in der Kamille vorkommen, und dimere Cumarine, wie sie in Blutgerinnungshemmern verwendet werden, in einen Topf. Die einfachen Cumarine der Kamille, von denen keine blutgerinnungshemmende Wirkung bekannt sind, heissen übrigens Umbelliferon (0,01%) und Herniarin (0,07%).
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Heilpflanzenkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz)