Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Meine erste aufgebrochene Tür
Ich komme nach einer Runde von Hausbesuchen ins Büro zurück. Meine erste Amtshandlung ist, wie immer, der Blick in unser Nachrichtenbuch.
Meine Kollegen haben aufgeschrieben, dass die Sozialstation Glückauf angerufen hat, zwei mal schon. Wegen Frau Nöte.
Die Sozialstation Glückauf soll Frau Nöte zweimal täglich ihre Medikamente verabreichen, und ihr zweimal wöchentlich beim Putzen helfen.
Frau Nöte hat heute Morgen für die Medikamente die Tür nicht geöffnet, und heute Vormittag fürs Putzen auch nicht.
Hm.
Ich bin eh schon besorgt.
Gestern bei meinem Hausbesuch hat Frau Nöte mir überhaupt nicht gefallen. Sie konnte gar nicht richtig sprechen. Hilflos und zitternd saß sie auf ihrem Sofa und sah mich aus panikgeweiteten Augen an. Es kam mir so vor, als wüsste sie auch nicht, welchen Wochentag oder welche Tageszeit wir haben.
Meine Kollegen haben aufgeschrieben, dass die Sozialstation Glückauf angerufen hat, zwei mal schon. Wegen Frau Nöte.
Die Sozialstation Glückauf soll Frau Nöte zweimal täglich ihre Medikamente verabreichen, und ihr zweimal wöchentlich beim Putzen helfen.
Frau Nöte hat heute Morgen für die Medikamente die Tür nicht geöffnet, und heute Vormittag fürs Putzen auch nicht.
Hm.
Ich bin eh schon besorgt.
Gestern bei meinem Hausbesuch hat Frau Nöte mir überhaupt nicht gefallen. Sie konnte gar nicht richtig sprechen. Hilflos und zitternd saß sie auf ihrem Sofa und sah mich aus panikgeweiteten Augen an. Es kam mir so vor, als wüsste sie auch nicht, welchen Wochentag oder welche Tageszeit wir haben.
In ruhigem Tonfall stellte ich ihr einfache Fragen, die sie mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. Auf diese Art fand ich heraus, dass sie seit zwei Tagen nichts gegessen hatte.
Ich sparte mir die Pädagogik, krempelte die Ärmel hoch und machte ihr erst mal was zu Essen. Und zu Trinken.
Dann redete ich ihr zu wie einem kranken Pferd. Ganz ruhig und in einfachen, klaren Sätzen. Aber Frau Nöte wollte partout nicht mit mir in die Klinik fahren. Sobald ich davon anfing, ächzte sie und machte abwehrende Handbewegungen, als wollte ich sie eigenhändig in Fesseln schlagen. Sie brachte sogar mehrmals ein verzweifeltes „Nein!“ heraus.
Zum Arzt wollte sie auch nicht.
Da konnte ich nichts machen. Des Menschen Wille ist sein Königreich. Außer es besteht Lebensgefahr für irgendjemanden, und das war meiner Einschätzung nach nicht der Fall. Noch nicht.
Ich blieb so lange ich konnte und hielt ihre Hand, aber irgendwann musste ich dann doch mal gehen. Vorsichtshalber rief ich die Sozialstation Glückauf an und informierte die Pflegedienstleitung über die Lage. Ich bat sie außerdem, Frau Nöte morgens zuerst ein Frühstück aufzudrängen, bevor sie die Medikamente nimmt. Und mich anzurufen, wenn irgendwas ist.
An der Wohnungstür warf ich einen Blick zurück. Frau Nöte saß regungslos hinter einer halb aufgegessenen Pizza und sah mir mit verstörtem Blick hinterher.
Nein, ich habe kein gutes Gefühl seit gestern.
Durch die Nachricht der Sozialstation wird es auch nicht besser.
Ich schnappe mir das Nachrichtenbuch und rufe die Sozialstation Glückauf zurück.
Sie haben am Nachmittag den nächsten Termin bei Frau Nöte, vielleicht macht sie ja dann auf. Wir verabreden, danach noch mal zu telefonieren.
Am Nachmittag öffnet Frau Nöte die Tür auch nicht.
Jetzt bin ich ernsthaft unruhig.
Anrufen kann man bei ihr nicht, weil sie kein Telefon hat.
Was tun?
Ich schalte erst mal den Computer an und spiele eine Runde Freecell. Das hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Manchmal sieht man das Offensichtliche erst, wenn man eine Weile lang ganz woanders hingeschaut hat.
Nach dem dritten Spiel ist mir klar, dass das jetzt mein erster Notfall wird.
Verdammt, meine Kollegen sind alle schon weg. Aber unser Chef will über außergewöhnliche Vorkommnisse sowieso immer informiert werden. Das hat er nun davon.
Ich rufe ihn über Handy an. Er hört sich geduldig meine Sorgen an. „Nimm Dein Gefühl ernst!“ sagt er. „Lieber einmal zuviel Alarm schlagen als einmal zuwenig. Sprich Dich aber gut mit allen ab. Und halt mich auf dem Laufenden, ja? Ich lass auf jeden Fall mein Handy an.“
Unser Chef ist echt ein prima Kerl. Meistens. Vor allem in solchen Situationen.
Zuerst telefoniere ich mit der gesetzlichen Betreuerin und bespreche mich mit ihr. Sie ist noch ganz neu und kennt Frau Nöte erst seit ein paar Tagen. Aber sie hat den Bereich der Gesundheitssorge übertragen bekommen und muss auf jeden Fall informiert sein.
Dann rufe ich beim Sozialpsychiatrischen Dienst an.
Der Sozialpsychiatrische Dienst hat schon zu. Die Zentrale ist noch besetzt, aber der Notdienst nicht mehr. Ich soll den Krisendienst anrufen, der ist ab 16 Uhr zuständig.
Ich rufe den Krisendienst an. Der Krisendienst stellt fest, dass ich mit meinem Anruf im falschen Stadtteil gelandet bin. Offensichtlich waren bei dem Dienst, der für mich zuständig ist, alle Leitungen belegt. Dann wird der Anrufer automatisch zu einer anderen Abteilung weitergeleitet.
Der Krisendienst sagt, er wird den Fall an die richtige Stelle weiterleiten. Die werden mich dann zurück rufen.
Ich spiele zehn Runden Freecell, bis endlich das Telefon klingelt.
„Mensch, Rudi!“ sage ich. „Das ist nett, dass Du anrufst, aber ich warte auf einen Anruf vom Krisendienst!“ Rudi ist ein Kollege von der Konkurrenz.
„Jaha!“ sagt Rudi triumphierend. „Ich arbeite jetzt beim Krisendienst, wusstest Du das noch gar nicht?“
Manchmal werden sogar Gebete erhört, die man gar nicht gebetet hat. Der Rudi ist nämlich ein ganz Netter. Mit fällt ein Riesen Stein vom Herzen.
„Also, erzähl noch mal.“ Sagt Rudi. Er will wissen, was ich konkret befürchte, und was ich vom Krisendienst will.
Gut, gehen wir das mal systematisch an.
Ich will bei Frau Nöte vorbei fahren und nach dem Rechten sehen. Ob sie noch lebt, oder ob sie vielleicht bewusstlos hinter der Wohnungstür liegt.
Es gibt vier Möglichkeiten, was dann passiert:
1. Frau Nöte ist da und es geht ihr gut. Dann gehen wir wieder.
2. Frau Nöte ist da und es geht ihr schlecht. Wir können sie überreden, in die Klinik zu
gehen. Dann fahre ich sie da hin, und damit ist das Schlimmste erst mal abgewendet.
3. Frau Nöte ist da und es geht ihr schlecht, sie weigert sich aber, in die Klinik zu gehen.
Dann kann eine Zwangseinweisung nötig sein.
4. Frau Nöte öffnet nicht. Dann möchte ich, dass die Tür aufgebrochen wird.
Für den Fall drei und vier brauche ich den Krisendienst. Und ich will, dass sie für alle Fälle gleich mitgehen, damit im Ernstfall nicht noch mehr kostbare Zeit verloren geht.
Rudi sagt, er wird mit dem Diensthabenden Notarzt sprechen und mich zurück rufen.
Fünf Runden Freecell später kommt der Rückruf. Rudi und der Arzt vom Krisendienst werden sich in einer halben Stunde mit mir vor der Wohnungstür von Frau Nöte treffen. Ich packe mit zittrigen Händen meinen Krempel zusammen.
Eine halbe Stunde später stehe ich vor der Wohnungstür. Rudi ist schon da, der Arzt ist noch unterwegs.
Wir klingeln an der Haustür. Keine Reaktion.
Wir klingeln die Nachbarn durch, bis jemand öffnet, und fahren mit dem Aufzug hoch in den fünften Stock. Wir klingeln, wir klopfen, wir rufen ihren Namen. Wir halten das Ohr an die Tür. Nichts zu hören.
Wir fahren wieder runter, legen einen Stein in die Tür und warten auf den Arzt.
Nachbarn, die vorbei kommen, beäugen uns neugierig.
Der Arzt braucht ein Weilchen, aber endlich biegt er doch um die Ecke. Wir erstatten Bericht. Er fragt mich genauestens über Frau Nöte aus. Ich gebe so sachlich und so konkret wie möglich Auskunft. Schließlich kommt er zu dem Ergebnis, dass tatsächlich ein ernsthafter Grund zur Beunruhigung vorliegt.
Wir fahren wieder hoch in den fünften Stock. Der Arzt probiert es noch mal, aber hinter der Tür ist es totenstill.
In meinem Magen liegt ein kleiner harter Klumpen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Nöte irgendwo hin gegangen ist, so hilflos, wie sie gestern noch war.
Wir beraten uns eine Weile auf dem Hausflur. Der Arzt ist jetzt auch dafür, die Tür aufzubrechen. Er holt sein Diensthandy raus und ruft die Feuerwehr und die Polizei an. Ich hole mein Handy raus und rufe meinen Chef und die gesetzliche Betreuerin an.
Wir warten.
Rudi geht runter, um die Feuerwehr in Empfang zu nehmen.
Ich bleibe oben mit dem Arzt, der von einem Fuß auf den anderen tritt. Er hat keine Lust und will wieder nachhause.
Die Feuerwehrleute brauchen nur zehn Minuten bis sie da sind.
Um das Spezial- Sicherheitsschloß aufzubrechen brauchen sie exakt zwei Minuten. Rekord! Sie klopfen sich fröhlich auf die Schultern und machen sich hemdsärmelig daran, die Wohnung zu entern.
Auf dem Teppich im Flur sind rostbraune Flecken. Ich schnappe entsetzt nach Luft. Dabei rieche ich deutlich, dass es sich hier vermutlich nicht um Blut handelt.
Das Bad ist großflächig verschmiert. Der Wohnzimmerteppich auch. Frau Nöte muss einen ganz hässlichen Durchfall gekriegt haben. Von ihr selber ist weit und breit keine Spur zu sehen. Im Schlafzimmer auch nicht. Die Feuerwehr steuert zielsicher und routiniert den Balkon an und schaut über die Brüstung. Gottseidank, da unten liegt sie auch nicht.
Inzwischen trifft die Polizei ein. Wir alle staksen mit langen Beinen durch die Wohnung und versuchen, nicht in die Flecken zu treten.
Die Polizei nimmt unsere Personalien auf.
„Na, dann bin ich hier ja nicht mehr vonnöten.“ Sagt der Arzt hastig und macht sich vom Acker.
Rudi tätschelt noch einmal aufmunternd meine Hand und folgt ihm.
Die Feuerwehrleute packen ihr Werkzeug zusammen und poltern unbekümmert den Flur hinunter.
Ich sinke erst mal in einen Sessel, nicht ohne vorher nach braunen Flecken geschaut zu haben. Eine Polizistin telefoniert mit der Hausverwaltung, um die aufgebrochene Tür zu sichern. Ihr Kollege nimmt mich derweil ins Verhör. Ich erstatte Bericht über die Vorgeschichte. Nebenbei überlege ich verzweifelt.
Wo kann Frau Nöte bloß sein?
Schließlich landet auch der Polizist bei exakt derselben Frage.
„Keine Ahnung.“ Sage ich besorgt. „Wenn sie die Wohnung verlassen hat, in dem Zustand wie sie gestern war, dann irrt sie jetzt da draußen orientierungslos umher.“ Ich gebe mir einen Ruck und schaue den Polizisten entschlossen an. „Ich muss Sie bitten, Frau Nöte zur Fahndung auszuschreiben.“
Es wäre nicht das erste mal, dass Frau Nöte orientierungslos von der Polizei eingesammelt und in der Psychiatrie abgegeben wird. Wir können aber jetzt nicht warten, bis sie von alleine irgendwo auftaucht. Es ist empfindlich kalt draußen, und ihr Mantel hängt noch an der Garderobe.
Der Polizist setzt sich auf die Lehne des Sessels gegenüber und seufzt. „Na, schön.“ Sagt er. „Beschreibung?“
Verdammt. Ich bin kein guter Zeuge. Details und Äußerlichkeiten kann ich mir partout nicht merken. Ich tue mein Bestes.
„Irgendwelche Verwandten oder Bekannten?“ Ich krame meinen Kalender raus. Hier, der ehemalige Lebensgefährte, Herr Windig. Ob sie bei ihm gelandet ist? „Rufen Sie doch mal an.“ Schlägt der Polizist vor. Gute Idee.
Es meldet sich eine Männerstimme. „Guten Tag, ich bin Frau Tüchtig vom Betreuten Einzelwohnen.“ Stelle ich mich vor. „Bin ich da richtig bei Herrn Windig? Wir suchen Frau Nöte und fragen uns, ob sie vielleicht bei Ihnen gelandet ist.“
„Der Herr Windig ist hier nicht mehr.“ Sagt die Männerstimme. „Der ist kürzlich verstorben.“ – „Was? Verstorben?“ Ich werfe dem Polizisten neben mir einen hilfesuchenden Blick zu. Der zieht die Augenbrauen hoch.
„Ja, der ist verstorben, der Herr Windig.“ Sagt die Männerstimme. „Um Himmels Willen, wann ist das denn passiert?“ Frage ich fassungslos. „Jetzt gerade erst. Ich bin von der Kripo.“
„Moment mal, dann gebe ich Ihnen gleich Ihren Kollegen.“ Sage ich. „Wir haben nämlich gerade die Tür von Frau Nöte aufgebrochen, und ich stehe hier auch mit der Polizei. Kleinen Moment.“
Der Polizist nimmt mein Telefon. Sein anfangs noch kollegialer Tonfall wird nach und nach knapper und geht dann in kurze grimmige Fragen über. Schließlich sagt er scharf: “Vielleicht überlegen Sie noch mal, wer Sie wirklich sind, sonst kommen wir nämlich auf der Stelle zu Ihnen rüber gefahren. Jetzt gleich. - Achso, ja? Na, dann haben wir das ja auch geklärt. Und wie ist das mit Frau Nöte? - Nein? - Sicher? Okay, das war schon alles. Geht doch.“
Seine Kollegin grinst. Er reicht mir mein Handy zurück.
„War doch der Windig. Der dachte, er macht sich mal einen Scherz. Ganz im falschen Moment.“ Jetzt kann er sich das Grinsen auch nicht mehr verkneifen.
Bevor ich einen hysterischen Lachkrampf kriegen kann, klingelt der Hausmeister. Er beginnt lautstark, ein neues Schloss einzusetzen.
„Wie ist es mit den Krankenhäusern?“ Fragt der Polizist, nun wieder geschäftsmäßig.
Gute Idee.
Ich rufe die Station an, auf der Frau Nöte immer ist.
„Na klar!“ Sagt die diensthabende Schwester fröhlich. „Die ist seit gestern hier.“
„Wie bitte? Seit gestern schon?“ Ich bin ja ein ruhiger und freundlicher Mensch, aber jetzt verlässt es mich. „Herrschaftszeiten noch eins! Ich stehe hier mit der Polizei in der Wohnung von Frau Nöte und habe ihre Tür aufbrechen lassen! Können Sie nicht ein mal, ein einziges mal zum Telefonhörer greifen und Bescheid sagen?!“
Die Schwester wird auf der Stelle giftig. „Das lasse ich mir von Ihnen nicht sagen. Das muss ich mir hier überhaupt nicht reinziehen. Sie können ja wohl genau so zum Hörer greifen und zuerst bei uns anrufen, bevor Sie die Tür aufbrechen lassen!“
Mir wird plötzlich ganz heiß.
Stimmt. Das hätten wir tun können. Wieso ist das bloß keinem eingefallen? Meinem Chef nicht, der gesetzlichen Betreuerin nicht, dem Krisendienst nicht, dem Arzt nicht, der Feuerwehr nicht. Mir auch nicht. Keinem von uns.
Alle haben sich darauf verlassen, dass die Klinik Bescheid sagen würde, wenn Frau Nöte da eingeliefert wird. Das könnte man als fahrlässig betrachten, durchaus.
Trotzdem. Die Sozialstation ist heute dreimal vergeblich bei Frau Nöte zuhause angereist. Die Kosten dafür kriegt sie von niemandem erstattet, weil, Frau Nöte war ja bereits im Krankenhaus. Sowas ist einfach unfair. Das hätte echt nicht sein müssen.
„Statt hier rumzustänkern, könnten Sie sich mal lieber nützlich machen, und Frau Nöte ein paar dringend benötigte Kleidungsstücke vorbeibringen. Wenn Sie schon gerade in der Wohnung stehen.“ Sagt die Schwester spitz.
Mir verschlägt es glatt die Sprache. Bevor ich ordentlich Luft holen kann, um all die Dinge zu sagen, die mir jetzt auf der Zunge liegen, aber nachher leid tun werden, verabschiedet sie sich mit einem strengen: „Bis später dann!“ und legt den Hörer auf.
Ich ignoriere die Polizeibeamten und gehe erst mal auf den Balkon, um mich abzukühlen. Himmelherrgottsakrakruzitürken. Tod und Teufel.
„Mach keinen Stunk mit denen.“ Sagt mein Chef später, als ich fluchend mit der Reisetasche für Frau Nöte im Bus sitze und ihm per Handy Bericht erstatte. „Da steht Aussage gegen Aussage, und jeder hat auf seine Art Recht. Das führt eh zu nix. Wenn Du jetzt ne offizielle Beschwerde machst, stehen wir genauso dumm da, und für die Kooperation ist es auch nicht gut. Lass stecken.“
„Zu einer guten Kooperation gehören zwei!“ bemerke ich grantig. Aber ich weiß schon, was er meint.
„Übrigens, wie ist Frau Nöte überhaupt in die Klinik gekommen?“ Fragt mein Chef.
Listig ist er ja. Wenn ich das rauskriegen will, muss ich ein Mindestmaß an Freundlichkeit aufbringen. Er weiß genau, wie neugierig ich bin. Und natürlich frage ich mich das auch schon die ganze Zeit.
Unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung und sämtlicher diplomatischen Künste, die mir zur Verfügung stehen, gelingt es mir später tatsächlich, diese Frage zu klären.
Frau Nöte hat gestern, kurz nachdem ich weg war, Durchfall bekommen und es nicht mehr bis zum Klo geschafft. In ihrer Verwirrung und Verzweiflung ist sie daraufhin halb nackt aus der Wohnung gelaufen und im Haus umhergeirrt. Bei irgendeiner Nachbarin hat sie dann geklingelt. Zum Glück landete sie zufällig bei einer patenten Altenpflegerin, die wusste, was zu tun war. Sie beruhigte Frau Nöte etwas, half ihr notdürftig beim Waschen und lieh ihr eine Unterhose. Und alarmierte umgehend den Notarzt. Ohne Pardon.
„Mensch, Frau Nöte, das hätten Sie aber einfacher haben können!“ Sage ich zu ihr, während wir im Krankenzimmer ihre Sachen in den Schrank räumen. „Nächstes Mal gehen Sie besser gleich mit mir, was?“ Frau Nöte schaut ein bisschen beschämt. Dann haut sie mir den Ellbogen in die Rippen. „Gehnse mit mir eine rauchen?“ Sagt sie und grinst verschwörerisch.
Was sie wohl sagt, wenn sie die Rechnung von der Feuerwehr bekommt?
Ich sparte mir die Pädagogik, krempelte die Ärmel hoch und machte ihr erst mal was zu Essen. Und zu Trinken.
Dann redete ich ihr zu wie einem kranken Pferd. Ganz ruhig und in einfachen, klaren Sätzen. Aber Frau Nöte wollte partout nicht mit mir in die Klinik fahren. Sobald ich davon anfing, ächzte sie und machte abwehrende Handbewegungen, als wollte ich sie eigenhändig in Fesseln schlagen. Sie brachte sogar mehrmals ein verzweifeltes „Nein!“ heraus.
Zum Arzt wollte sie auch nicht.
Da konnte ich nichts machen. Des Menschen Wille ist sein Königreich. Außer es besteht Lebensgefahr für irgendjemanden, und das war meiner Einschätzung nach nicht der Fall. Noch nicht.
Ich blieb so lange ich konnte und hielt ihre Hand, aber irgendwann musste ich dann doch mal gehen. Vorsichtshalber rief ich die Sozialstation Glückauf an und informierte die Pflegedienstleitung über die Lage. Ich bat sie außerdem, Frau Nöte morgens zuerst ein Frühstück aufzudrängen, bevor sie die Medikamente nimmt. Und mich anzurufen, wenn irgendwas ist.
An der Wohnungstür warf ich einen Blick zurück. Frau Nöte saß regungslos hinter einer halb aufgegessenen Pizza und sah mir mit verstörtem Blick hinterher.
Nein, ich habe kein gutes Gefühl seit gestern.
Durch die Nachricht der Sozialstation wird es auch nicht besser.
Ich schnappe mir das Nachrichtenbuch und rufe die Sozialstation Glückauf zurück.
Sie haben am Nachmittag den nächsten Termin bei Frau Nöte, vielleicht macht sie ja dann auf. Wir verabreden, danach noch mal zu telefonieren.
Am Nachmittag öffnet Frau Nöte die Tür auch nicht.
Jetzt bin ich ernsthaft unruhig.
Anrufen kann man bei ihr nicht, weil sie kein Telefon hat.
Was tun?
Ich schalte erst mal den Computer an und spiele eine Runde Freecell. Das hilft mir, meine Gedanken zu sortieren. Manchmal sieht man das Offensichtliche erst, wenn man eine Weile lang ganz woanders hingeschaut hat.
Nach dem dritten Spiel ist mir klar, dass das jetzt mein erster Notfall wird.
Verdammt, meine Kollegen sind alle schon weg. Aber unser Chef will über außergewöhnliche Vorkommnisse sowieso immer informiert werden. Das hat er nun davon.
Ich rufe ihn über Handy an. Er hört sich geduldig meine Sorgen an. „Nimm Dein Gefühl ernst!“ sagt er. „Lieber einmal zuviel Alarm schlagen als einmal zuwenig. Sprich Dich aber gut mit allen ab. Und halt mich auf dem Laufenden, ja? Ich lass auf jeden Fall mein Handy an.“
Unser Chef ist echt ein prima Kerl. Meistens. Vor allem in solchen Situationen.
Zuerst telefoniere ich mit der gesetzlichen Betreuerin und bespreche mich mit ihr. Sie ist noch ganz neu und kennt Frau Nöte erst seit ein paar Tagen. Aber sie hat den Bereich der Gesundheitssorge übertragen bekommen und muss auf jeden Fall informiert sein.
Dann rufe ich beim Sozialpsychiatrischen Dienst an.
Der Sozialpsychiatrische Dienst hat schon zu. Die Zentrale ist noch besetzt, aber der Notdienst nicht mehr. Ich soll den Krisendienst anrufen, der ist ab 16 Uhr zuständig.
Ich rufe den Krisendienst an. Der Krisendienst stellt fest, dass ich mit meinem Anruf im falschen Stadtteil gelandet bin. Offensichtlich waren bei dem Dienst, der für mich zuständig ist, alle Leitungen belegt. Dann wird der Anrufer automatisch zu einer anderen Abteilung weitergeleitet.
Der Krisendienst sagt, er wird den Fall an die richtige Stelle weiterleiten. Die werden mich dann zurück rufen.
Ich spiele zehn Runden Freecell, bis endlich das Telefon klingelt.
„Mensch, Rudi!“ sage ich. „Das ist nett, dass Du anrufst, aber ich warte auf einen Anruf vom Krisendienst!“ Rudi ist ein Kollege von der Konkurrenz.
„Jaha!“ sagt Rudi triumphierend. „Ich arbeite jetzt beim Krisendienst, wusstest Du das noch gar nicht?“
Manchmal werden sogar Gebete erhört, die man gar nicht gebetet hat. Der Rudi ist nämlich ein ganz Netter. Mit fällt ein Riesen Stein vom Herzen.
„Also, erzähl noch mal.“ Sagt Rudi. Er will wissen, was ich konkret befürchte, und was ich vom Krisendienst will.
Gut, gehen wir das mal systematisch an.
Ich will bei Frau Nöte vorbei fahren und nach dem Rechten sehen. Ob sie noch lebt, oder ob sie vielleicht bewusstlos hinter der Wohnungstür liegt.
Es gibt vier Möglichkeiten, was dann passiert:
1. Frau Nöte ist da und es geht ihr gut. Dann gehen wir wieder.
2. Frau Nöte ist da und es geht ihr schlecht. Wir können sie überreden, in die Klinik zu
gehen. Dann fahre ich sie da hin, und damit ist das Schlimmste erst mal abgewendet.
3. Frau Nöte ist da und es geht ihr schlecht, sie weigert sich aber, in die Klinik zu gehen.
Dann kann eine Zwangseinweisung nötig sein.
4. Frau Nöte öffnet nicht. Dann möchte ich, dass die Tür aufgebrochen wird.
Für den Fall drei und vier brauche ich den Krisendienst. Und ich will, dass sie für alle Fälle gleich mitgehen, damit im Ernstfall nicht noch mehr kostbare Zeit verloren geht.
Rudi sagt, er wird mit dem Diensthabenden Notarzt sprechen und mich zurück rufen.
Fünf Runden Freecell später kommt der Rückruf. Rudi und der Arzt vom Krisendienst werden sich in einer halben Stunde mit mir vor der Wohnungstür von Frau Nöte treffen. Ich packe mit zittrigen Händen meinen Krempel zusammen.
Eine halbe Stunde später stehe ich vor der Wohnungstür. Rudi ist schon da, der Arzt ist noch unterwegs.
Wir klingeln an der Haustür. Keine Reaktion.
Wir klingeln die Nachbarn durch, bis jemand öffnet, und fahren mit dem Aufzug hoch in den fünften Stock. Wir klingeln, wir klopfen, wir rufen ihren Namen. Wir halten das Ohr an die Tür. Nichts zu hören.
Wir fahren wieder runter, legen einen Stein in die Tür und warten auf den Arzt.
Nachbarn, die vorbei kommen, beäugen uns neugierig.
Der Arzt braucht ein Weilchen, aber endlich biegt er doch um die Ecke. Wir erstatten Bericht. Er fragt mich genauestens über Frau Nöte aus. Ich gebe so sachlich und so konkret wie möglich Auskunft. Schließlich kommt er zu dem Ergebnis, dass tatsächlich ein ernsthafter Grund zur Beunruhigung vorliegt.
Wir fahren wieder hoch in den fünften Stock. Der Arzt probiert es noch mal, aber hinter der Tür ist es totenstill.
In meinem Magen liegt ein kleiner harter Klumpen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Nöte irgendwo hin gegangen ist, so hilflos, wie sie gestern noch war.
Wir beraten uns eine Weile auf dem Hausflur. Der Arzt ist jetzt auch dafür, die Tür aufzubrechen. Er holt sein Diensthandy raus und ruft die Feuerwehr und die Polizei an. Ich hole mein Handy raus und rufe meinen Chef und die gesetzliche Betreuerin an.
Wir warten.
Rudi geht runter, um die Feuerwehr in Empfang zu nehmen.
Ich bleibe oben mit dem Arzt, der von einem Fuß auf den anderen tritt. Er hat keine Lust und will wieder nachhause.
Die Feuerwehrleute brauchen nur zehn Minuten bis sie da sind.
Um das Spezial- Sicherheitsschloß aufzubrechen brauchen sie exakt zwei Minuten. Rekord! Sie klopfen sich fröhlich auf die Schultern und machen sich hemdsärmelig daran, die Wohnung zu entern.
Auf dem Teppich im Flur sind rostbraune Flecken. Ich schnappe entsetzt nach Luft. Dabei rieche ich deutlich, dass es sich hier vermutlich nicht um Blut handelt.
Das Bad ist großflächig verschmiert. Der Wohnzimmerteppich auch. Frau Nöte muss einen ganz hässlichen Durchfall gekriegt haben. Von ihr selber ist weit und breit keine Spur zu sehen. Im Schlafzimmer auch nicht. Die Feuerwehr steuert zielsicher und routiniert den Balkon an und schaut über die Brüstung. Gottseidank, da unten liegt sie auch nicht.
Inzwischen trifft die Polizei ein. Wir alle staksen mit langen Beinen durch die Wohnung und versuchen, nicht in die Flecken zu treten.
Die Polizei nimmt unsere Personalien auf.
„Na, dann bin ich hier ja nicht mehr vonnöten.“ Sagt der Arzt hastig und macht sich vom Acker.
Rudi tätschelt noch einmal aufmunternd meine Hand und folgt ihm.
Die Feuerwehrleute packen ihr Werkzeug zusammen und poltern unbekümmert den Flur hinunter.
Ich sinke erst mal in einen Sessel, nicht ohne vorher nach braunen Flecken geschaut zu haben. Eine Polizistin telefoniert mit der Hausverwaltung, um die aufgebrochene Tür zu sichern. Ihr Kollege nimmt mich derweil ins Verhör. Ich erstatte Bericht über die Vorgeschichte. Nebenbei überlege ich verzweifelt.
Wo kann Frau Nöte bloß sein?
Schließlich landet auch der Polizist bei exakt derselben Frage.
„Keine Ahnung.“ Sage ich besorgt. „Wenn sie die Wohnung verlassen hat, in dem Zustand wie sie gestern war, dann irrt sie jetzt da draußen orientierungslos umher.“ Ich gebe mir einen Ruck und schaue den Polizisten entschlossen an. „Ich muss Sie bitten, Frau Nöte zur Fahndung auszuschreiben.“
Es wäre nicht das erste mal, dass Frau Nöte orientierungslos von der Polizei eingesammelt und in der Psychiatrie abgegeben wird. Wir können aber jetzt nicht warten, bis sie von alleine irgendwo auftaucht. Es ist empfindlich kalt draußen, und ihr Mantel hängt noch an der Garderobe.
Der Polizist setzt sich auf die Lehne des Sessels gegenüber und seufzt. „Na, schön.“ Sagt er. „Beschreibung?“
Verdammt. Ich bin kein guter Zeuge. Details und Äußerlichkeiten kann ich mir partout nicht merken. Ich tue mein Bestes.
„Irgendwelche Verwandten oder Bekannten?“ Ich krame meinen Kalender raus. Hier, der ehemalige Lebensgefährte, Herr Windig. Ob sie bei ihm gelandet ist? „Rufen Sie doch mal an.“ Schlägt der Polizist vor. Gute Idee.
Es meldet sich eine Männerstimme. „Guten Tag, ich bin Frau Tüchtig vom Betreuten Einzelwohnen.“ Stelle ich mich vor. „Bin ich da richtig bei Herrn Windig? Wir suchen Frau Nöte und fragen uns, ob sie vielleicht bei Ihnen gelandet ist.“
„Der Herr Windig ist hier nicht mehr.“ Sagt die Männerstimme. „Der ist kürzlich verstorben.“ – „Was? Verstorben?“ Ich werfe dem Polizisten neben mir einen hilfesuchenden Blick zu. Der zieht die Augenbrauen hoch.
„Ja, der ist verstorben, der Herr Windig.“ Sagt die Männerstimme. „Um Himmels Willen, wann ist das denn passiert?“ Frage ich fassungslos. „Jetzt gerade erst. Ich bin von der Kripo.“
„Moment mal, dann gebe ich Ihnen gleich Ihren Kollegen.“ Sage ich. „Wir haben nämlich gerade die Tür von Frau Nöte aufgebrochen, und ich stehe hier auch mit der Polizei. Kleinen Moment.“
Der Polizist nimmt mein Telefon. Sein anfangs noch kollegialer Tonfall wird nach und nach knapper und geht dann in kurze grimmige Fragen über. Schließlich sagt er scharf: “Vielleicht überlegen Sie noch mal, wer Sie wirklich sind, sonst kommen wir nämlich auf der Stelle zu Ihnen rüber gefahren. Jetzt gleich. - Achso, ja? Na, dann haben wir das ja auch geklärt. Und wie ist das mit Frau Nöte? - Nein? - Sicher? Okay, das war schon alles. Geht doch.“
Seine Kollegin grinst. Er reicht mir mein Handy zurück.
„War doch der Windig. Der dachte, er macht sich mal einen Scherz. Ganz im falschen Moment.“ Jetzt kann er sich das Grinsen auch nicht mehr verkneifen.
Bevor ich einen hysterischen Lachkrampf kriegen kann, klingelt der Hausmeister. Er beginnt lautstark, ein neues Schloss einzusetzen.
„Wie ist es mit den Krankenhäusern?“ Fragt der Polizist, nun wieder geschäftsmäßig.
Gute Idee.
Ich rufe die Station an, auf der Frau Nöte immer ist.
„Na klar!“ Sagt die diensthabende Schwester fröhlich. „Die ist seit gestern hier.“
„Wie bitte? Seit gestern schon?“ Ich bin ja ein ruhiger und freundlicher Mensch, aber jetzt verlässt es mich. „Herrschaftszeiten noch eins! Ich stehe hier mit der Polizei in der Wohnung von Frau Nöte und habe ihre Tür aufbrechen lassen! Können Sie nicht ein mal, ein einziges mal zum Telefonhörer greifen und Bescheid sagen?!“
Die Schwester wird auf der Stelle giftig. „Das lasse ich mir von Ihnen nicht sagen. Das muss ich mir hier überhaupt nicht reinziehen. Sie können ja wohl genau so zum Hörer greifen und zuerst bei uns anrufen, bevor Sie die Tür aufbrechen lassen!“
Mir wird plötzlich ganz heiß.
Stimmt. Das hätten wir tun können. Wieso ist das bloß keinem eingefallen? Meinem Chef nicht, der gesetzlichen Betreuerin nicht, dem Krisendienst nicht, dem Arzt nicht, der Feuerwehr nicht. Mir auch nicht. Keinem von uns.
Alle haben sich darauf verlassen, dass die Klinik Bescheid sagen würde, wenn Frau Nöte da eingeliefert wird. Das könnte man als fahrlässig betrachten, durchaus.
Trotzdem. Die Sozialstation ist heute dreimal vergeblich bei Frau Nöte zuhause angereist. Die Kosten dafür kriegt sie von niemandem erstattet, weil, Frau Nöte war ja bereits im Krankenhaus. Sowas ist einfach unfair. Das hätte echt nicht sein müssen.
„Statt hier rumzustänkern, könnten Sie sich mal lieber nützlich machen, und Frau Nöte ein paar dringend benötigte Kleidungsstücke vorbeibringen. Wenn Sie schon gerade in der Wohnung stehen.“ Sagt die Schwester spitz.
Mir verschlägt es glatt die Sprache. Bevor ich ordentlich Luft holen kann, um all die Dinge zu sagen, die mir jetzt auf der Zunge liegen, aber nachher leid tun werden, verabschiedet sie sich mit einem strengen: „Bis später dann!“ und legt den Hörer auf.
Ich ignoriere die Polizeibeamten und gehe erst mal auf den Balkon, um mich abzukühlen. Himmelherrgottsakrakruzitürken. Tod und Teufel.
„Mach keinen Stunk mit denen.“ Sagt mein Chef später, als ich fluchend mit der Reisetasche für Frau Nöte im Bus sitze und ihm per Handy Bericht erstatte. „Da steht Aussage gegen Aussage, und jeder hat auf seine Art Recht. Das führt eh zu nix. Wenn Du jetzt ne offizielle Beschwerde machst, stehen wir genauso dumm da, und für die Kooperation ist es auch nicht gut. Lass stecken.“
„Zu einer guten Kooperation gehören zwei!“ bemerke ich grantig. Aber ich weiß schon, was er meint.
„Übrigens, wie ist Frau Nöte überhaupt in die Klinik gekommen?“ Fragt mein Chef.
Listig ist er ja. Wenn ich das rauskriegen will, muss ich ein Mindestmaß an Freundlichkeit aufbringen. Er weiß genau, wie neugierig ich bin. Und natürlich frage ich mich das auch schon die ganze Zeit.
Unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung und sämtlicher diplomatischen Künste, die mir zur Verfügung stehen, gelingt es mir später tatsächlich, diese Frage zu klären.
Frau Nöte hat gestern, kurz nachdem ich weg war, Durchfall bekommen und es nicht mehr bis zum Klo geschafft. In ihrer Verwirrung und Verzweiflung ist sie daraufhin halb nackt aus der Wohnung gelaufen und im Haus umhergeirrt. Bei irgendeiner Nachbarin hat sie dann geklingelt. Zum Glück landete sie zufällig bei einer patenten Altenpflegerin, die wusste, was zu tun war. Sie beruhigte Frau Nöte etwas, half ihr notdürftig beim Waschen und lieh ihr eine Unterhose. Und alarmierte umgehend den Notarzt. Ohne Pardon.
„Mensch, Frau Nöte, das hätten Sie aber einfacher haben können!“ Sage ich zu ihr, während wir im Krankenzimmer ihre Sachen in den Schrank räumen. „Nächstes Mal gehen Sie besser gleich mit mir, was?“ Frau Nöte schaut ein bisschen beschämt. Dann haut sie mir den Ellbogen in die Rippen. „Gehnse mit mir eine rauchen?“ Sagt sie und grinst verschwörerisch.
Was sie wohl sagt, wenn sie die Rechnung von der Feuerwehr bekommt?
Posted by Brangäne on Monday, May 1. 2006 at 13:46 in Alles nur im Kopf, Erfahrungsberichte
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Monday, May 1. 2006 at 17:11 (Reply)
Die ganze Aktion hätte nicht sein müssen, wenn hier mehr Sachkenntnis im Spiel gewesen wäre. Wenn ein alter Mensch zwei Tage nichts gegessen und vermutlich nichts getrunken hat und verwirrt wirkt, hätte der Arzt geholt werden müssen, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Ausserdem wäre es weniger personal- und kostenintensiv gewesen. Eigentlich sollte man Ihnen die Kosten der Aktion in Rechnung stellen!
Thursday, May 11. 2006 at 20:13 (Reply)
Mit dem Durchfall könnten Sie recht haben.
Es bleibt aber das Problem für alle Fachkräfte, was man tut soll oder kann, wenn man selber einen Arzt für notwendig hält, der Betroffene das jedoch deutlich verweigert. Es handelt sich dabei um eine äußerst knifflige Rechtsgüterabwägung: Gesundheit gegen Grundrechte. Jede Sozialstation kann ein Lied von den schwierigen Fragen singen, die sich daraus ergeben.
Im psychiatrischen Bereich sind wir sehr zurückhaltend damit, Maßnahmen gegen den Willen von Betroffenen zu veranlassen. Das liegt daran, dass solche gewaltsamen Eingriffe häßliche Wunden im Selbstwertgefühl, in der Würde und im Vertrauen hinterlassen, die manchmal die geduldige Aufbauarbeit von Jahren zerstören können. Da muss man schon einen verdammt guten Grund vorweisen, auch rechtlich. Zu dem Thema würden mich ja noch ein paar mehr Meinungen interessieren. Ab wann sollte man Zwangsmaßnahmen ergreifen?