Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Scharmützel
Frau Blank ist bei unserem gewohnten Termin nicht zuhause. Das ist nichts Besonderes, das passiert immer wieder mal. Ich denke mir, sie hatte vielleicht was Besseres vor, als mit mir zu putzen.
Später am Tag ruft sie bei uns im Büro an. Das ist bemerkenswert, weil das sonst nie vorkommt. Sie klingt munter und guter Dinge. „Hallo Frau Tüchtig, wissen Sie denn gar nicht, dass ich im Krankenhaus bin?“
Weiß ich nicht.
Ich bin überrascht.
Beim letzten Termin wirkte sie nicht im Geringsten psychotisch, und auch jetzt klingt sie nicht so. Ich fahre noch am gleichen Nachmittag in der Klinik vorbei.
Beim ersten Anblick kriege ich einen Schreck. Frau Blank sieht richtig schlimm aus. Sie hat ein Pflaster an der Schläfe und ein geschwollenes, blutunterlaufenes Auge. Ist sie etwa verprügelt worden?
Später am Tag ruft sie bei uns im Büro an. Das ist bemerkenswert, weil das sonst nie vorkommt. Sie klingt munter und guter Dinge. „Hallo Frau Tüchtig, wissen Sie denn gar nicht, dass ich im Krankenhaus bin?“
Weiß ich nicht.
Ich bin überrascht.
Beim letzten Termin wirkte sie nicht im Geringsten psychotisch, und auch jetzt klingt sie nicht so. Ich fahre noch am gleichen Nachmittag in der Klinik vorbei.
Beim ersten Anblick kriege ich einen Schreck. Frau Blank sieht richtig schlimm aus. Sie hat ein Pflaster an der Schläfe und ein geschwollenes, blutunterlaufenes Auge. Ist sie etwa verprügelt worden?
Wir setzen uns auf einen Kaffee in die Krankenhaus- Cafeteria. Frau Blank berichtet fröhlich, sie sei am Montagabend, vorgestern also, auf der Straße gestürzt, und der Notarzt hätte sie dann hierher gebracht. „Mein Knie ist auch ganz blau. Hier! Richtig doll blau!“ Erzählt sie lebhaft und strahlt mich dabei an.
An der Stelle in meinem Hinterkopf, wo die beruflichen Instinkte zuhause sind, fängt eine kleine Warnlampe an zu blinken.
Auf meine besorgten Nachfragen rückt sie damit raus, dass sie vor ihrem Unfall ziemlich viel Bier getrunken hat.
Sie muss ganz schön betrunken gewesen sein, wenn sie so gestürzt ist. Ich denke daran, dass sie das letzte Mal auf genau die gleiche Art, und aus genau dem gleichen Grund, in der Psychiatrie gelandet ist. Vielleicht ist das besser als ein psychotischer Schub, aber trotzdem. Ich hoffe doch nicht, dass das zu einer Gewohnheit wird. Eine Psychose in der Ausprägung, wie Frau Blank sie hat, finde ich als Herausforderung auch so schon völlig ausreichend. Ein zusätzliches Alkoholproblem brauche ich echt nicht. Gar nicht.
Frau Blank fragt mich, ob ich ihr Geld leihen würde für Zigaretten.
Keiner von uns Sozialarbeitern verleiht sein privates Geld an Klienten. Frau Blank weiß das genau.
Meine innere Warnlampe blinkt etwas stärker.
„Moment mal.“ Sage ich. „Sie waren doch am Montag erst beim gesetzlichen Betreuer und haben Ihr Geld für die ganze Woche abgeholt. Ist das etwa alles weg?“
Frau Blank nickt.
„Von Montagmorgen bis Montagabends 20 Uhr? Wo ist das Geld denn hingekommen?“ Frage ich.
„Naja, ich war Essen einkaufen, und Zigaretten, und dann war ich Kaffee trinken, und dann in der Kneipe das ganze Bier, und jetzt ist das Geld alle. Ich hab gar nichts mehr zu rauchen!“
Ich rücke mich auf meinem Stuhl ein bisschen zurecht, um eine feste Grundlage zu haben. „Also. Frau Blank.“ Sage ich. „Wenn Sie sich entscheiden. Ihr gesamtes Haushaltsgeld für die ganze Woche an einem einzigen Tag auf den Kopf zu hauen. Bitte. Dann können Sie das tun. Sie sind ein freier Mensch. Sie sind schon groß und dürfen das. Aber dann müssen Sie den Rest der Woche eben ohne Geld auskommen. So einfach ist das.“
Frau Blank beherrscht die Grundregeln der Verhaltenstherapie besser als viele andere. Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sie es schafft, unerwünschtes Verhalten von Betreuern zu ignorieren.
Sie lächelt mich freundlich an und sagt: „Also, Sie geben mir dann das Geld für die Zigaretten, ja?“
„Nein.“ Sage ich. „Ich gebe Ihnen kein Geld für Zigaretten.“
Frau Blank reißt die Augen auf. „Nicht? Aber es sind doch nur 4 Euro. 4 Euro reichen, Frau Tüchtig, wirklich.“
„Frau Blank.“ Sage ich. „Was Sie mit ihrem Geld machen, ist Ihre Wahl. Erwachsen sein heißt, dass man selber entscheiden kann. Es heißt aber auch, dass man die Konsequenzen alleine ausbaden muss. Da müssen Sie jetzt leider durch.“
Ich bin erst neulich in einem Fachbuch für Sozialarbeiter auf die kluge Unterscheidung zwischen hilfreichen und nützlichen Verhaltensweisen gestoßen. Das hier ist ein prima Beispiel. Wie bestellt.
Klar, wenn jemand mit seinem Geld nicht umgehen kann, ist es im ersten Moment hilfreich, ihm Geld zu leihen. Aber nützen tut es ihm nichts. Nützen würde es, wenn derjenige lernen würde, wie er besser mit Geld umgeht. Aber warum sollte er das, wenn er immer wieder jemanden findet, den er anpumpen kann?
Ganz zu schweigen davon, dass ich mein Geld nie wieder sehen würde. Das wäre für mich persönlich weder nützlich noch hilfreich.
Mit einem auffordernden Lächeln schickt Frau Blank meine fachlich korrekte Belehrung in das Reich der Nie Gesagten Worte. „Also, kriege ich dann die 4 Euro von Ihnen?“
Ich setze mich noch ein bisschen aufrechter. „Nein.“ Sage ich, mit Strenge. „Ich unterstütze das nicht, dass Sie Ihr Geld versaufen.“
Frau Blank legt ihre Stirn in Falten und kaut eine Weile an ihrer Unterlippe. Dann sagt sie: „Das würden Sie mir ja sowieso nicht glauben. Sie glauben mir ja eh nicht. Wenn ich jetzt sagen würde, dass mir das Geld geklaut wurde.“ Vorwurfsvoll.
„Stimmt“ sage ich. „Das glaube ich Ihnen nicht. Es fällt mir jetzt gerade ganz schwer, das zu glauben.“
„Na sehen Sie, das habe ich gleich gewusst. Sie glauben mir ja doch nicht!“ Sehr vorwurfsvoll.
„Naja.“ Sage ich. „Das ist aber auch schwer, wenn Sie mir zwei ganz verschiedene Geschichten erzählen. Welche von beiden soll ich denn nun glauben?“
„Na, die, dass mir das Geld geklaut wurde!“
„Und warum haben Sie mir das nicht gleich erzählt?“
„Weil Sie mir ja eh nicht glauben. Das wusste ich!“ Sehr, sehr, sehr vorwurfsvoll.
Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. „Nee, nee, nee, Frau Blank. Das nehme ich Ihnen nicht ab. Jetzt nicht mehr. Wenn Sie das gleich gesagt hätten, okay. Aber jetzt ist das echt ein bisschen spät.“
„Das stimmt aber, wirklich!“
Ich nehme Frau Blank ins Verhör. Was sie eingekauft hat. Was sie noch alles ausgegeben hat. Was mit ihrem Einkauf passiert ist. Wie viel Bier sie getrunken hat. So wirklich klar wird es aber nicht, was an diesem Montag passiert ist.
Ich bleibe hart.
Frau Blank ändert ihre Taktik. Sie bittet mich, bei ihrem gesetzlichen Betreuer anzurufen und um Extra Geld zu bitten. Jetzt gleich. Das sehe ich aber gar nicht ein. Schließlich hat sie das Geld für diese Woche schon erhalten. Sie sollte für solche Eskapaden nicht auch noch belohnt werden.
Frau Blank verhandelt beharrlich.
Ich sage, dass die jetzt sowieso keine Bürozeit haben.
Ich sage, der Akku von meinem Handy ist leer und ich kann nicht telefonieren (das stimmt).
Ich sage, ich werde jetzt nicht mein privates Geld an einer Telefonzelle ausgeben.
Schließlich verspreche ich, morgen das Betreuungsbüro anzurufen und ihre Anfrage auszurichten.
Ich werde aber meine Meinung zu diesem Thema gleich mit einreichen.
Außerdem werde ich meine Vertretung anrufen, die ein Auto hat, und fragen, ob sie morgen mit Frau Blank aus ihrer Wohnung die nötigsten Dinge holen kann.
Frau Blank inhaliert zufrieden den letzten Zug und drückt ihre Zigarette aus. „Also, gehen wir dann?“ Fragt sie.
Wir gehen zurück auf Station.
Ich frage die Pflegekräfte, ob Frau Blank in Begleitung zu ihrer Wohnung fahren darf. Darf sie.
Ob sie noch Zigaretten hinterlegt hat. Hat sie, aber die sind fast alle.
Ich berichte den Schwestern, dass Frau Blank kein Geld mehr hat, und dass sie meiner Meinung nach auch keins kriegen sollte. „Es ist jetzt schon das zweite Mal, dass sie sich dermaßen betrunken hat.“ Sage ich. „Ich finde, sie sollte ein bisschen leiden. Aus pädagogischen Gründen.“
Die Schwester grinst und stimmt mir zu. Allerdings meldet sie Bedenken an, Frau Blank dadurch zwangsweise auf Nikotinentzug zu setzen. Hat sie eigentlich auch Recht.
„Naja, deswegen frage ich Sie.“ Sage ich. „Ich bin ja nicht hier, wenn sie grantig wird. Sie sind diejenigen, die das dann aushalten müssen.“
Die Schwester hat einen Kompromissvorschlag. Zigaretten sollte sie schon kriegen, aber man könnte sie ihr vielleicht ein bisschen knapper einteilen. Na, immerhin.
Ich glaube, auf Station genießen sie es auch ein bisschen, Frau Blank einmal so zu erleben. Früher war sie regelmäßig mit einem schweren psychotischen Schub hier, und nur so kannten die Ärzte und Schwestern sie. Sobald es ihr besser ging, wurde sie entlassen, und ich übernahm die Arbeit wieder. Im Grunde haben sie nie so recht erlebt, wie Frau Blank ist, wenn es ihr gut geht. Dann kann man nämlich jede Menge Spaß mit ihr haben.
Die Klinik hat grundsätzlich den schwarzen Peter. Die Patienten werden dort mit schweren Krisen aufgenommen, manchmal unter Zwang, häufig in Notsituationen. Dementsprechend stressig ist das Geschehen auf Station.
Die richtigen Erfolgserlebnisse haben meistens wir, im Ambulanten Bereich. Wenn es unseren Klienten besser geht, merken sie das in der Klinik daran, dass ihre gewohnten Patienten dort gar nicht mehr auftauchen. Selten kriegen sie die vielen kleinen Wunder mit, die unserem Berufsalltag den Glanz geben.
Das ist ungerecht, denn meistens haben die Ärzte und Schwestern ihren Teil mit dazu beigetragen, dass das möglich ist.
Und deswegen gönne ich es ihnen, dass sie Frau Blank ein paar Tage ganz ohne Psychose auf sich wirken lassen können. Nüchtern ist sie ja auch wieder.
Ich befürchte nur, dass sie mit ihr nicht streng genug sind, weil es so schön ist, zur Abwechslung mal keinen Ärger mit ihr zu haben.
Einen Moment lang stehe ich allein auf dem Flur der Psychiatrie- Station und höre mir selber beim Denken zu. Wie das wieder klingt!
Ein kleiner fieser Zweifel meldet sich aus der Ecke, wo meine 68er- Erziehung liebevoll verwahrt wird. Mein inneres berufliches Betriebssystem leitet umgehend eine Runde der Selbstüberprüfung ein.
Bin ich zu hart mit Frau Blank? Bin ich gemein? Bin ich eine autoritäre Unterdrückerin? Bin ich etwa genauso sadistisch wie die Stationsschwester aus „Einer flog übers Kuckucksnest“?
Und siehe da, bevor ich mir diese Fragen auch nur ansatzweise beantworten kann, steht Frau Blank neben mir. Wie von einer Fee herbeigezaubert. Als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Immerhin, sie kennt mich jetzt auch schon über fünf Jahre.
Sie lächelt mich strahlend an. „Frau Tüchtig, wenn Sie von meinem Extrageld Zigaretten kaufen gehen, bitte bringen Sie mir noch Pulverkaffee mit, ja? Schokolade brauche ich auch. Und Zeitschriften. Zeitschriften sind ganz wichtig!“
Ich atme einmal tief durch. Ganz tief.
Und nun?
An der Stelle in meinem Hinterkopf, wo die beruflichen Instinkte zuhause sind, fängt eine kleine Warnlampe an zu blinken.
Auf meine besorgten Nachfragen rückt sie damit raus, dass sie vor ihrem Unfall ziemlich viel Bier getrunken hat.
Sie muss ganz schön betrunken gewesen sein, wenn sie so gestürzt ist. Ich denke daran, dass sie das letzte Mal auf genau die gleiche Art, und aus genau dem gleichen Grund, in der Psychiatrie gelandet ist. Vielleicht ist das besser als ein psychotischer Schub, aber trotzdem. Ich hoffe doch nicht, dass das zu einer Gewohnheit wird. Eine Psychose in der Ausprägung, wie Frau Blank sie hat, finde ich als Herausforderung auch so schon völlig ausreichend. Ein zusätzliches Alkoholproblem brauche ich echt nicht. Gar nicht.
Frau Blank fragt mich, ob ich ihr Geld leihen würde für Zigaretten.
Keiner von uns Sozialarbeitern verleiht sein privates Geld an Klienten. Frau Blank weiß das genau.
Meine innere Warnlampe blinkt etwas stärker.
„Moment mal.“ Sage ich. „Sie waren doch am Montag erst beim gesetzlichen Betreuer und haben Ihr Geld für die ganze Woche abgeholt. Ist das etwa alles weg?“
Frau Blank nickt.
„Von Montagmorgen bis Montagabends 20 Uhr? Wo ist das Geld denn hingekommen?“ Frage ich.
„Naja, ich war Essen einkaufen, und Zigaretten, und dann war ich Kaffee trinken, und dann in der Kneipe das ganze Bier, und jetzt ist das Geld alle. Ich hab gar nichts mehr zu rauchen!“
Ich rücke mich auf meinem Stuhl ein bisschen zurecht, um eine feste Grundlage zu haben. „Also. Frau Blank.“ Sage ich. „Wenn Sie sich entscheiden. Ihr gesamtes Haushaltsgeld für die ganze Woche an einem einzigen Tag auf den Kopf zu hauen. Bitte. Dann können Sie das tun. Sie sind ein freier Mensch. Sie sind schon groß und dürfen das. Aber dann müssen Sie den Rest der Woche eben ohne Geld auskommen. So einfach ist das.“
Frau Blank beherrscht die Grundregeln der Verhaltenstherapie besser als viele andere. Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit sie es schafft, unerwünschtes Verhalten von Betreuern zu ignorieren.
Sie lächelt mich freundlich an und sagt: „Also, Sie geben mir dann das Geld für die Zigaretten, ja?“
„Nein.“ Sage ich. „Ich gebe Ihnen kein Geld für Zigaretten.“
Frau Blank reißt die Augen auf. „Nicht? Aber es sind doch nur 4 Euro. 4 Euro reichen, Frau Tüchtig, wirklich.“
„Frau Blank.“ Sage ich. „Was Sie mit ihrem Geld machen, ist Ihre Wahl. Erwachsen sein heißt, dass man selber entscheiden kann. Es heißt aber auch, dass man die Konsequenzen alleine ausbaden muss. Da müssen Sie jetzt leider durch.“
Ich bin erst neulich in einem Fachbuch für Sozialarbeiter auf die kluge Unterscheidung zwischen hilfreichen und nützlichen Verhaltensweisen gestoßen. Das hier ist ein prima Beispiel. Wie bestellt.
Klar, wenn jemand mit seinem Geld nicht umgehen kann, ist es im ersten Moment hilfreich, ihm Geld zu leihen. Aber nützen tut es ihm nichts. Nützen würde es, wenn derjenige lernen würde, wie er besser mit Geld umgeht. Aber warum sollte er das, wenn er immer wieder jemanden findet, den er anpumpen kann?
Ganz zu schweigen davon, dass ich mein Geld nie wieder sehen würde. Das wäre für mich persönlich weder nützlich noch hilfreich.
Mit einem auffordernden Lächeln schickt Frau Blank meine fachlich korrekte Belehrung in das Reich der Nie Gesagten Worte. „Also, kriege ich dann die 4 Euro von Ihnen?“
Ich setze mich noch ein bisschen aufrechter. „Nein.“ Sage ich, mit Strenge. „Ich unterstütze das nicht, dass Sie Ihr Geld versaufen.“
Frau Blank legt ihre Stirn in Falten und kaut eine Weile an ihrer Unterlippe. Dann sagt sie: „Das würden Sie mir ja sowieso nicht glauben. Sie glauben mir ja eh nicht. Wenn ich jetzt sagen würde, dass mir das Geld geklaut wurde.“ Vorwurfsvoll.
„Stimmt“ sage ich. „Das glaube ich Ihnen nicht. Es fällt mir jetzt gerade ganz schwer, das zu glauben.“
„Na sehen Sie, das habe ich gleich gewusst. Sie glauben mir ja doch nicht!“ Sehr vorwurfsvoll.
„Naja.“ Sage ich. „Das ist aber auch schwer, wenn Sie mir zwei ganz verschiedene Geschichten erzählen. Welche von beiden soll ich denn nun glauben?“
„Na, die, dass mir das Geld geklaut wurde!“
„Und warum haben Sie mir das nicht gleich erzählt?“
„Weil Sie mir ja eh nicht glauben. Das wusste ich!“ Sehr, sehr, sehr vorwurfsvoll.
Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. „Nee, nee, nee, Frau Blank. Das nehme ich Ihnen nicht ab. Jetzt nicht mehr. Wenn Sie das gleich gesagt hätten, okay. Aber jetzt ist das echt ein bisschen spät.“
„Das stimmt aber, wirklich!“
Ich nehme Frau Blank ins Verhör. Was sie eingekauft hat. Was sie noch alles ausgegeben hat. Was mit ihrem Einkauf passiert ist. Wie viel Bier sie getrunken hat. So wirklich klar wird es aber nicht, was an diesem Montag passiert ist.
Ich bleibe hart.
Frau Blank ändert ihre Taktik. Sie bittet mich, bei ihrem gesetzlichen Betreuer anzurufen und um Extra Geld zu bitten. Jetzt gleich. Das sehe ich aber gar nicht ein. Schließlich hat sie das Geld für diese Woche schon erhalten. Sie sollte für solche Eskapaden nicht auch noch belohnt werden.
Frau Blank verhandelt beharrlich.
Ich sage, dass die jetzt sowieso keine Bürozeit haben.
Ich sage, der Akku von meinem Handy ist leer und ich kann nicht telefonieren (das stimmt).
Ich sage, ich werde jetzt nicht mein privates Geld an einer Telefonzelle ausgeben.
Schließlich verspreche ich, morgen das Betreuungsbüro anzurufen und ihre Anfrage auszurichten.
Ich werde aber meine Meinung zu diesem Thema gleich mit einreichen.
Außerdem werde ich meine Vertretung anrufen, die ein Auto hat, und fragen, ob sie morgen mit Frau Blank aus ihrer Wohnung die nötigsten Dinge holen kann.
Frau Blank inhaliert zufrieden den letzten Zug und drückt ihre Zigarette aus. „Also, gehen wir dann?“ Fragt sie.
Wir gehen zurück auf Station.
Ich frage die Pflegekräfte, ob Frau Blank in Begleitung zu ihrer Wohnung fahren darf. Darf sie.
Ob sie noch Zigaretten hinterlegt hat. Hat sie, aber die sind fast alle.
Ich berichte den Schwestern, dass Frau Blank kein Geld mehr hat, und dass sie meiner Meinung nach auch keins kriegen sollte. „Es ist jetzt schon das zweite Mal, dass sie sich dermaßen betrunken hat.“ Sage ich. „Ich finde, sie sollte ein bisschen leiden. Aus pädagogischen Gründen.“
Die Schwester grinst und stimmt mir zu. Allerdings meldet sie Bedenken an, Frau Blank dadurch zwangsweise auf Nikotinentzug zu setzen. Hat sie eigentlich auch Recht.
„Naja, deswegen frage ich Sie.“ Sage ich. „Ich bin ja nicht hier, wenn sie grantig wird. Sie sind diejenigen, die das dann aushalten müssen.“
Die Schwester hat einen Kompromissvorschlag. Zigaretten sollte sie schon kriegen, aber man könnte sie ihr vielleicht ein bisschen knapper einteilen. Na, immerhin.
Ich glaube, auf Station genießen sie es auch ein bisschen, Frau Blank einmal so zu erleben. Früher war sie regelmäßig mit einem schweren psychotischen Schub hier, und nur so kannten die Ärzte und Schwestern sie. Sobald es ihr besser ging, wurde sie entlassen, und ich übernahm die Arbeit wieder. Im Grunde haben sie nie so recht erlebt, wie Frau Blank ist, wenn es ihr gut geht. Dann kann man nämlich jede Menge Spaß mit ihr haben.
Die Klinik hat grundsätzlich den schwarzen Peter. Die Patienten werden dort mit schweren Krisen aufgenommen, manchmal unter Zwang, häufig in Notsituationen. Dementsprechend stressig ist das Geschehen auf Station.
Die richtigen Erfolgserlebnisse haben meistens wir, im Ambulanten Bereich. Wenn es unseren Klienten besser geht, merken sie das in der Klinik daran, dass ihre gewohnten Patienten dort gar nicht mehr auftauchen. Selten kriegen sie die vielen kleinen Wunder mit, die unserem Berufsalltag den Glanz geben.
Das ist ungerecht, denn meistens haben die Ärzte und Schwestern ihren Teil mit dazu beigetragen, dass das möglich ist.
Und deswegen gönne ich es ihnen, dass sie Frau Blank ein paar Tage ganz ohne Psychose auf sich wirken lassen können. Nüchtern ist sie ja auch wieder.
Ich befürchte nur, dass sie mit ihr nicht streng genug sind, weil es so schön ist, zur Abwechslung mal keinen Ärger mit ihr zu haben.
Einen Moment lang stehe ich allein auf dem Flur der Psychiatrie- Station und höre mir selber beim Denken zu. Wie das wieder klingt!
Ein kleiner fieser Zweifel meldet sich aus der Ecke, wo meine 68er- Erziehung liebevoll verwahrt wird. Mein inneres berufliches Betriebssystem leitet umgehend eine Runde der Selbstüberprüfung ein.
Bin ich zu hart mit Frau Blank? Bin ich gemein? Bin ich eine autoritäre Unterdrückerin? Bin ich etwa genauso sadistisch wie die Stationsschwester aus „Einer flog übers Kuckucksnest“?
Und siehe da, bevor ich mir diese Fragen auch nur ansatzweise beantworten kann, steht Frau Blank neben mir. Wie von einer Fee herbeigezaubert. Als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet. Immerhin, sie kennt mich jetzt auch schon über fünf Jahre.
Sie lächelt mich strahlend an. „Frau Tüchtig, wenn Sie von meinem Extrageld Zigaretten kaufen gehen, bitte bringen Sie mir noch Pulverkaffee mit, ja? Schokolade brauche ich auch. Und Zeitschriften. Zeitschriften sind ganz wichtig!“
Ich atme einmal tief durch. Ganz tief.
Und nun?
Posted by Brangäne on Thursday, April 13. 2006 at 16:00 in Alles nur im Kopf, Erfahrungsberichte
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