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Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Über das Schweigen
Apropos, wenn man gar nichts tun kann:
Manchmal gibt es Klienten, die nicht sprechen. Das ist schwer. Wir versuchen dann, ob wir gemeinsam etwas tun können, ohne viel zu reden: spazieren gehen, aufräumen, renovieren, basteln, irgendwas.
Wenn das auch nicht geht, wird es ganz schwer. Dann fragen wir uns manchmal: Wozu sind wir eigentlich hier? Was will der Klient von uns?
Da sitzen wir mit unserem Klienten. Er ist offensichtlich verstört, und wir werden langsam auch immer verstörter. Und nun?
Eine meiner ersten Klientinnen war so.
Ich war unerfahren und ungeschickt, und sie war stumm. Beinah. Sie schaute mich niemals an. Wenn ich zu ihr sprach, sah sie starr an mir vorbei ins Leere. Wenn ich sie etwas fragte, waren die Antworten maximal zwei Silben lang. Maximal.
"Ja." -- "Nein." -- "Okay." -- "Weiß nicht."
Und wieder Schweigen.
Da fängt man als Sozialarbeiterin an, wie wild zu denken.
Manchmal gibt es Klienten, die nicht sprechen. Das ist schwer. Wir versuchen dann, ob wir gemeinsam etwas tun können, ohne viel zu reden: spazieren gehen, aufräumen, renovieren, basteln, irgendwas.
Wenn das auch nicht geht, wird es ganz schwer. Dann fragen wir uns manchmal: Wozu sind wir eigentlich hier? Was will der Klient von uns?
Da sitzen wir mit unserem Klienten. Er ist offensichtlich verstört, und wir werden langsam auch immer verstörter. Und nun?
Eine meiner ersten Klientinnen war so.
Ich war unerfahren und ungeschickt, und sie war stumm. Beinah. Sie schaute mich niemals an. Wenn ich zu ihr sprach, sah sie starr an mir vorbei ins Leere. Wenn ich sie etwas fragte, waren die Antworten maximal zwei Silben lang. Maximal.
"Ja." -- "Nein." -- "Okay." -- "Weiß nicht."
Und wieder Schweigen.
Da fängt man als Sozialarbeiterin an, wie wild zu denken.
Vielleicht wollte sie grundsätzlich lieber alleine sein und mochte die Betreuung gar nicht haben? Ich beobachtete sie eine Weile. Nein, sie legte großen Wert auf unsere Termine, das war an ihrem Verhalten zu erkennen. Aber wozu?
Vielleicht lag es an mir, vielleicht fand sie mich unsympathisch? Ich sprach sie direkt darauf an und informierte sie sachlich darüber, dass ein Betreuerwechsel möglich ist, wenn sie mit einem Betreuer nicht klar kommt. Da sah sie mit einem Gesichtsausdruck an mir vorbei, als hätte ich gerade einen total peinlichen Faux- Pas begangen. Offensichtlich war die Frage so dermaßen daneben, dass sie gar keine Antwort verdiente. Noch nicht einmal eine Silbe.
Sie bestand darauf, zwei mal in der Woche von mir abgeholt zu werden. Dann gingen wir zu Hertie oder zu Karstadt in die Cafeteria und saßen dort, jeder vor einem Kaffee. Und schwiegen. Lange.
Irgendwann kramte sie ihre Sachen zusammen, erhob sich und sagte: „Na, dann…“ Und dann gingen wir wieder.
Ich war heilfroh darüber, dass ich schon Erfahrung mit Meditationsseminaren hatte, auf denen tagelang geschwiegen wurde. Ich versuchte, diese Termine einfach als Meditationsübung zu betrachten. Ich hielt das Schweigen aus und sah mir selber beim Denken zu.
Trotzdem, es war nicht das Gleiche. Irgendetwas war daran nicht richtig.
In einem Meditationsseminar gibt es über das Schweigen eine Vereinbarung. Es ist eine bewusste Übung und hat dadurch einen sozialen Rahmen. Eine Klientin, die im Café eine Stunde lang oder länger beharrlich schweigt, bricht damit eine unausgesprochene soziale Regel. Zumindest in unserer Kultur. Die Regel lautet, wenn man sich mit anderen Menschen trifft, muss man sprechen. Man muss sich irgendwie unterhalten, egal über was. Das ist für uns dermaßen selbstverständlich, dass wir das schon gar nicht mehr merken. Es ist so wie atmen. Man tut es eben. Erst wenn diese Regel gebrochen wird, spüren wir sie deutlich. Wir fühlen uns plötzlich sehr unbehaglich und sind so verunsichert, als hätte uns jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Anthropologen wissen über diese Dinge ganz genau Bescheid. Allein an diesem Unbehagen können sie erkennen, dass gerade eine soziale Regel gebrochen wurde. Wenn ein Anthropologe seine Vermutungen über unausgesprochene soziale Regeln überprüfen will, dann bricht er eine dieser Regeln, mit Absicht, und notiert, wie die Leute darauf reagieren. Und wenn er dieses spezielle Unbehagen erntet, hat er einen Volltreffer gelandet.Ich habe oft gedacht, die Anthropologen sollten mal bei uns vorbei kommen. Da könnten sie einen Volltreffer nach dem anderen kriegen. Ganz mühelos.
Ich habe von meinen Klienten schon so viel über unsere verborgenen Regeln gelernt. Wenn man ein bisschen Übung kriegt, dieses Unbehagen auszuhalten, wird es total interessant. Man lernt eine ganze Menge darüber, wie die eigene Gesellschaft gebaut ist.
Ich könnte inzwischen auf einem Lautstärkeregler die genaue Phonstärke einstellen, mit der es gerade noch erlaubt ist, sich in der U- Bahn zu unterhalten, und ab welcher Lautstärke der unerlaubte Bereich betreten wird. Interessanterweise reicht das aus, die bloße Lautstärke beim Sprechen in der U- Bahn, um für verrückt erklärt zu werden. So schnell geht das.
Und es passiert ja meistens nichts Schlimmes, wenn solche Regeln gebrochen werden. Lautstärke in der U- Bahn nervt, aber das ist es auch schon. Schweigen tut niemandem weh und nimmt keinem was weg.
Aber man macht das nicht. Und so sitzt die Sozialarbeiterin im Café und rutscht unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, während die Klientin angespannt an ihr vorbei starrt. Und eisern schweigt.
Anfangs, in meiner Not, versuchte ich, irgendwie an sie heranzukommen. Ich tat alles Mögliche, um sie zum Reden zu bringen. Wenn ich gar zu aufdringlich wurde, wurde die Klientin feindselig. Das Schweigen bekam dann eine eisige und verächtliche Qualität. Trotzdem brach sie den Termin nicht ab. Sie schwieg sich stur durch die ganze komplette Stunde, die wir vereinbart hatten.
Eine Stunde kann lang sein.
In meinem Bemühen, die Klientin zu verstehen, fiel mir auf, dass unsere Termine streng ritualisiert waren. Sie liefen immer nach genau dem gleichen Muster ab. Die gleiche Zeit, der gleiche Ablauf, die gleichen Worte, die gleichen Handgriffe. Zwei mal die Woche. Eine Abweichung wurde nicht geduldet.
Einmal musste ich den gewohnten Termin verschieben. Da versetzte sie mich einfach.
Zu spät kommen war eine Katastrophe und wurde mit Feindseligkeit nicht unter einer Stunde bestraft.
Das fand ich bemerkenswert.
Rituale sind etwas, das für Sicherheit sorgen soll. In verschiedenen Religionen werden Rituale genutzt, um für ungewöhnliche emotionale Zustände oder spirituelle Erlebnisse einen sicheren Rahmen zu schaffen. Je ekstatischer das Geschehen, je bedrohlicher das Thema, desto strikter ist der rituelle Rahmen. Die Klientin schuf für unsere Treffen einen rituellen Rahmen erster Ordnung, aber warum? Und für welchen Inhalt?
Irgendwann war ich ratlos genug, um das ganze Thema in der Supervision zu besprechen.
Unser Supervisor war ein warmherziger und sehr erfahrener Therapeut. Er hörte sich alles ganz genau an. Als ich berichtete, dass schon beim ersten Anzeichen einer psychotischen Krise das gesamte Helfersystem in Panik geriet, horchte er auf. Er sagte, das könnte ein Hinweis auf die Geschichte der Klientin sein, die sie selber nicht erzählen kann, aber deren Echo unbewusst von allen aufgefangen wird.
Er erzählte uns, dass er manchmal von seinen Klienten Geschichten gehört hat, die waren so gruselig, dass er sie gar nicht glauben wollte. Er dachte, das denken die sich bloß aus, oder das sind Wahnvorstellungen. Später fand er heraus, dass alles stimmte. Es gibt keine Grenzen für das, was Menschen einander antun können. Es ist unsäglich, es ist bodenlos, und am liebsten will man es gar nicht wissen. Wenn ein Mensch so etwas Schlimmes erlebt hat, dann kann er nachher nicht darüber sprechen. Er kann vielleicht niemals darüber sprechen. Er hat die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur am eigenen Leibe erfahren.
Was er vielleicht noch nie erfahren hat, ist, dass jemand da ist, der ihm nichts tut. Jemand, der wohlwollend ist und keine Gefahr darstellt. Allein diese Erfahrung bedeutet für so einen Klienten etwas ganz Neues und Unerhörtes. Das muss er erst mal verdauen. Und mehr geht vielleicht am Anfang gar nicht. Auf Dauer wird das tief drinnen etwas in Bewegung setzen. Aber es braucht viel, viel Zeit.
Mich hat diese Erklärung damals sehr beeindruckt. Ich muss seitdem immer wieder daran denken.
Danach änderte ich mein Verhalten und ließ der Klientin ihr Schweigen.
Stattdessen achtete ich ganz genau auf ihre Grenzen. Ich hielt mich an ihren rituellen Rahmen. Ich schaute ihr nicht direkt in die Augen. Ich stellte ihr keine persönlichen Fragen. Ich achtete auf die körperliche Distanz, die sie brauchte. Wenn wir nacheinander die Treppe runter liefen, ging ich vor ihr, damit sie den Abstand bestimmen konnte. Ich widerstand der Versuchung, doch hin und wider an ihr herumzuzerren, um sie zu einer Gruppenaktivität zu bewegen. Ich behandelte sie mit dem größtmöglichen Respekt.
Und ich ließ ihr Zeit.
Eines Tages klingelte ich wieder bei ihr. Zur gewohnten Zeit, wie immer. Sie öffnete die Tür. Wie immer. Und dann, zum ersten Mal, seit ich sie kennen gelernt hatte, sah sie mich an. Sie sah mir direkt ins Gesicht, und lächelte. Da wären mir beinah die Tränen gekommen.
Ich kann das nicht so wirklich beschreiben, aber für solche Momente lohnt es sich, Sozialarbeiterin zu werden. Absolut.
Heute, nach mehr als fünf Jahren, sitzen wir im Café und unterhalten uns ganz selbstverständlich.
Die Klientin erzählt niemals etwas aus ihrer Lebensgeschichte. Selbst nach dieser langen Zeit weiß ich nichts über ihre Vergangenheit. Aber wir unterhalten uns über andere Sachen. Sie beschäftigt sich zum Beispiel oft mit der Frage, wie sie gesünder werden könnte. Ihre Krisen sind nach und nach seltener geworden, und weniger schlimm. Manchmal denkt sie sogar laut über einen Zuverdienst nach.
Wenn wir heute schweigen, hat es fast etwas Gemütliches. Es ist vertraut, beinah so wie bei einem alten Ehepaar.
Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass viele unserer Klienten das nicht kennen: dass sie Zeit mit jemandem verbringen, der wohlwollend ist; der sie so sein lässt, wie sie sind; der Respekt vor ihren Grenzen hat und ihnen nichts tut.
Ich kann auch nicht immer und jeden Tag so sein. Man muss sich ganz schön konzentrieren und mitdenken. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber seit dieser Erfahrung weiß ich, dass es sich lohnt. Ich habe gesehen, welchen Unterschied so ein Verhalten macht. Was dann plötzlich alles möglich wird.
Doch. Ich mache meinen Beruf verdammt gerne.
Manchmal fühle ich mich so ähnlich wie ein Gärtner. Das allerschönste ist es, wenn die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, aufblühen. Wenn sie wachsen und gedeihen, und ich bin dabei. Pflanzen wachsen auch nicht schneller, wenn man an ihnen rumzerrt. Im Gegenteil. Was sie brauchen, ist Licht, und Wasser, und ihr eigenes Tempo. Dann wachsen sie von ganz alleine. Ich glaube, was für die Pflanzen die Sonne ist, ist für uns Menschen die wohlwollende und zugewandte Gegenwart eines anderen Menschen. Manchmal ist das alles, was nötig ist, um ein Wunder zu erleben.
P.S. Buchtipps:
Anthropologen
Wer gern Englisch liest, dem kann ich von Kate Fox: „Watching the English. The Hidden Rules of The English“ wärmstens empfehlen. Ich habe es zum Teil in der U- Bahn gelesen. Seitdem würde ich gerne mal mit der Stoppuhr nachmessen, wie lange man in der Öffentlichkeit über sein Buch lachen darf. Eine ganze Viertelstunde am Stück ist definitiv zu lang. (Es gab da einen Exkurs über die Deutschen und ihre Toiletten…)
psychotische Krisen
Von Andres Knuf und Anke Gartelmann (Herausgeber): „Bevor die Stimmen wiederkommen. Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen“ mit sehr aufschlussreichen Erfahrungsberichten von Betroffenen.
Vielleicht lag es an mir, vielleicht fand sie mich unsympathisch? Ich sprach sie direkt darauf an und informierte sie sachlich darüber, dass ein Betreuerwechsel möglich ist, wenn sie mit einem Betreuer nicht klar kommt. Da sah sie mit einem Gesichtsausdruck an mir vorbei, als hätte ich gerade einen total peinlichen Faux- Pas begangen. Offensichtlich war die Frage so dermaßen daneben, dass sie gar keine Antwort verdiente. Noch nicht einmal eine Silbe.
Sie bestand darauf, zwei mal in der Woche von mir abgeholt zu werden. Dann gingen wir zu Hertie oder zu Karstadt in die Cafeteria und saßen dort, jeder vor einem Kaffee. Und schwiegen. Lange.
Irgendwann kramte sie ihre Sachen zusammen, erhob sich und sagte: „Na, dann…“ Und dann gingen wir wieder.
Ich war heilfroh darüber, dass ich schon Erfahrung mit Meditationsseminaren hatte, auf denen tagelang geschwiegen wurde. Ich versuchte, diese Termine einfach als Meditationsübung zu betrachten. Ich hielt das Schweigen aus und sah mir selber beim Denken zu.
Trotzdem, es war nicht das Gleiche. Irgendetwas war daran nicht richtig.
In einem Meditationsseminar gibt es über das Schweigen eine Vereinbarung. Es ist eine bewusste Übung und hat dadurch einen sozialen Rahmen. Eine Klientin, die im Café eine Stunde lang oder länger beharrlich schweigt, bricht damit eine unausgesprochene soziale Regel. Zumindest in unserer Kultur. Die Regel lautet, wenn man sich mit anderen Menschen trifft, muss man sprechen. Man muss sich irgendwie unterhalten, egal über was. Das ist für uns dermaßen selbstverständlich, dass wir das schon gar nicht mehr merken. Es ist so wie atmen. Man tut es eben. Erst wenn diese Regel gebrochen wird, spüren wir sie deutlich. Wir fühlen uns plötzlich sehr unbehaglich und sind so verunsichert, als hätte uns jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Anthropologen wissen über diese Dinge ganz genau Bescheid. Allein an diesem Unbehagen können sie erkennen, dass gerade eine soziale Regel gebrochen wurde. Wenn ein Anthropologe seine Vermutungen über unausgesprochene soziale Regeln überprüfen will, dann bricht er eine dieser Regeln, mit Absicht, und notiert, wie die Leute darauf reagieren. Und wenn er dieses spezielle Unbehagen erntet, hat er einen Volltreffer gelandet.Ich habe oft gedacht, die Anthropologen sollten mal bei uns vorbei kommen. Da könnten sie einen Volltreffer nach dem anderen kriegen. Ganz mühelos.
Ich habe von meinen Klienten schon so viel über unsere verborgenen Regeln gelernt. Wenn man ein bisschen Übung kriegt, dieses Unbehagen auszuhalten, wird es total interessant. Man lernt eine ganze Menge darüber, wie die eigene Gesellschaft gebaut ist.
Ich könnte inzwischen auf einem Lautstärkeregler die genaue Phonstärke einstellen, mit der es gerade noch erlaubt ist, sich in der U- Bahn zu unterhalten, und ab welcher Lautstärke der unerlaubte Bereich betreten wird. Interessanterweise reicht das aus, die bloße Lautstärke beim Sprechen in der U- Bahn, um für verrückt erklärt zu werden. So schnell geht das.
Und es passiert ja meistens nichts Schlimmes, wenn solche Regeln gebrochen werden. Lautstärke in der U- Bahn nervt, aber das ist es auch schon. Schweigen tut niemandem weh und nimmt keinem was weg.
Aber man macht das nicht. Und so sitzt die Sozialarbeiterin im Café und rutscht unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her, während die Klientin angespannt an ihr vorbei starrt. Und eisern schweigt.
Anfangs, in meiner Not, versuchte ich, irgendwie an sie heranzukommen. Ich tat alles Mögliche, um sie zum Reden zu bringen. Wenn ich gar zu aufdringlich wurde, wurde die Klientin feindselig. Das Schweigen bekam dann eine eisige und verächtliche Qualität. Trotzdem brach sie den Termin nicht ab. Sie schwieg sich stur durch die ganze komplette Stunde, die wir vereinbart hatten.
Eine Stunde kann lang sein.
In meinem Bemühen, die Klientin zu verstehen, fiel mir auf, dass unsere Termine streng ritualisiert waren. Sie liefen immer nach genau dem gleichen Muster ab. Die gleiche Zeit, der gleiche Ablauf, die gleichen Worte, die gleichen Handgriffe. Zwei mal die Woche. Eine Abweichung wurde nicht geduldet.
Einmal musste ich den gewohnten Termin verschieben. Da versetzte sie mich einfach.
Zu spät kommen war eine Katastrophe und wurde mit Feindseligkeit nicht unter einer Stunde bestraft.
Das fand ich bemerkenswert.
Rituale sind etwas, das für Sicherheit sorgen soll. In verschiedenen Religionen werden Rituale genutzt, um für ungewöhnliche emotionale Zustände oder spirituelle Erlebnisse einen sicheren Rahmen zu schaffen. Je ekstatischer das Geschehen, je bedrohlicher das Thema, desto strikter ist der rituelle Rahmen. Die Klientin schuf für unsere Treffen einen rituellen Rahmen erster Ordnung, aber warum? Und für welchen Inhalt?
Irgendwann war ich ratlos genug, um das ganze Thema in der Supervision zu besprechen.
Unser Supervisor war ein warmherziger und sehr erfahrener Therapeut. Er hörte sich alles ganz genau an. Als ich berichtete, dass schon beim ersten Anzeichen einer psychotischen Krise das gesamte Helfersystem in Panik geriet, horchte er auf. Er sagte, das könnte ein Hinweis auf die Geschichte der Klientin sein, die sie selber nicht erzählen kann, aber deren Echo unbewusst von allen aufgefangen wird.
Er erzählte uns, dass er manchmal von seinen Klienten Geschichten gehört hat, die waren so gruselig, dass er sie gar nicht glauben wollte. Er dachte, das denken die sich bloß aus, oder das sind Wahnvorstellungen. Später fand er heraus, dass alles stimmte. Es gibt keine Grenzen für das, was Menschen einander antun können. Es ist unsäglich, es ist bodenlos, und am liebsten will man es gar nicht wissen. Wenn ein Mensch so etwas Schlimmes erlebt hat, dann kann er nachher nicht darüber sprechen. Er kann vielleicht niemals darüber sprechen. Er hat die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur am eigenen Leibe erfahren.
Was er vielleicht noch nie erfahren hat, ist, dass jemand da ist, der ihm nichts tut. Jemand, der wohlwollend ist und keine Gefahr darstellt. Allein diese Erfahrung bedeutet für so einen Klienten etwas ganz Neues und Unerhörtes. Das muss er erst mal verdauen. Und mehr geht vielleicht am Anfang gar nicht. Auf Dauer wird das tief drinnen etwas in Bewegung setzen. Aber es braucht viel, viel Zeit.
Mich hat diese Erklärung damals sehr beeindruckt. Ich muss seitdem immer wieder daran denken.
Danach änderte ich mein Verhalten und ließ der Klientin ihr Schweigen.
Stattdessen achtete ich ganz genau auf ihre Grenzen. Ich hielt mich an ihren rituellen Rahmen. Ich schaute ihr nicht direkt in die Augen. Ich stellte ihr keine persönlichen Fragen. Ich achtete auf die körperliche Distanz, die sie brauchte. Wenn wir nacheinander die Treppe runter liefen, ging ich vor ihr, damit sie den Abstand bestimmen konnte. Ich widerstand der Versuchung, doch hin und wider an ihr herumzuzerren, um sie zu einer Gruppenaktivität zu bewegen. Ich behandelte sie mit dem größtmöglichen Respekt.
Und ich ließ ihr Zeit.
Eines Tages klingelte ich wieder bei ihr. Zur gewohnten Zeit, wie immer. Sie öffnete die Tür. Wie immer. Und dann, zum ersten Mal, seit ich sie kennen gelernt hatte, sah sie mich an. Sie sah mir direkt ins Gesicht, und lächelte. Da wären mir beinah die Tränen gekommen.
Ich kann das nicht so wirklich beschreiben, aber für solche Momente lohnt es sich, Sozialarbeiterin zu werden. Absolut.
Heute, nach mehr als fünf Jahren, sitzen wir im Café und unterhalten uns ganz selbstverständlich.
Die Klientin erzählt niemals etwas aus ihrer Lebensgeschichte. Selbst nach dieser langen Zeit weiß ich nichts über ihre Vergangenheit. Aber wir unterhalten uns über andere Sachen. Sie beschäftigt sich zum Beispiel oft mit der Frage, wie sie gesünder werden könnte. Ihre Krisen sind nach und nach seltener geworden, und weniger schlimm. Manchmal denkt sie sogar laut über einen Zuverdienst nach.
Wenn wir heute schweigen, hat es fast etwas Gemütliches. Es ist vertraut, beinah so wie bei einem alten Ehepaar.
Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass viele unserer Klienten das nicht kennen: dass sie Zeit mit jemandem verbringen, der wohlwollend ist; der sie so sein lässt, wie sie sind; der Respekt vor ihren Grenzen hat und ihnen nichts tut.
Ich kann auch nicht immer und jeden Tag so sein. Man muss sich ganz schön konzentrieren und mitdenken. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Aber seit dieser Erfahrung weiß ich, dass es sich lohnt. Ich habe gesehen, welchen Unterschied so ein Verhalten macht. Was dann plötzlich alles möglich wird.
Doch. Ich mache meinen Beruf verdammt gerne.
Manchmal fühle ich mich so ähnlich wie ein Gärtner. Das allerschönste ist es, wenn die Menschen, mit denen ich es zu tun habe, aufblühen. Wenn sie wachsen und gedeihen, und ich bin dabei. Pflanzen wachsen auch nicht schneller, wenn man an ihnen rumzerrt. Im Gegenteil. Was sie brauchen, ist Licht, und Wasser, und ihr eigenes Tempo. Dann wachsen sie von ganz alleine. Ich glaube, was für die Pflanzen die Sonne ist, ist für uns Menschen die wohlwollende und zugewandte Gegenwart eines anderen Menschen. Manchmal ist das alles, was nötig ist, um ein Wunder zu erleben.
P.S. Buchtipps:
Wer gern Englisch liest, dem kann ich von Kate Fox: „Watching the English. The Hidden Rules of The English“ wärmstens empfehlen. Ich habe es zum Teil in der U- Bahn gelesen. Seitdem würde ich gerne mal mit der Stoppuhr nachmessen, wie lange man in der Öffentlichkeit über sein Buch lachen darf. Eine ganze Viertelstunde am Stück ist definitiv zu lang. (Es gab da einen Exkurs über die Deutschen und ihre Toiletten…)
Von Andres Knuf und Anke Gartelmann (Herausgeber): „Bevor die Stimmen wiederkommen. Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen“ mit sehr aufschlussreichen Erfahrungsberichten von Betroffenen.
Posted by Brangäne on Tuesday, April 11. 2006 at 08:19 in Alles nur im Kopf, Erfahrungsberichte
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Tuesday, April 11. 2006 at 08:27 (Reply)
Zum einen gibt es da kulturell abhängige Parameter der Wahrnehmung, sowohl was den körperlichen Freiraum angeht, als auch was die als angemessen betrachtete Lautstärke angeht, das divergiert selbst innerhalb Deutschlands (wer mal in einer Berliner, Münchner und Hamburger U-Bahn saß, weiß was ich meine).
Zum anderen: Lautstärke in der U-Bahn "nervt nur"? Lautstärke in der U-Bahn bedeutet für mich sehr oft, daß das Bahnfahren für mich zur Qual wird - ich habe ein quasi-autistisches Wahrnehmungsspektrum und es gibt Tage an denen Filtern unmöglich ist. Und da bedeutet dann die Unterhaltung am anderen Ende des Wagens, die ich selbst mit Fingern in den Ohren noch problemlos verstehen kann, für mich massive Übelkeitsattacken, gepaart mit Schmerzen, Verzweiflung und Aggression. Anders gesagt, ein Eindringen in meine Intimsphäre, durchaus wörtlich...
Tuesday, April 11. 2006 at 21:31 (Reply)
Ich wollte das gar nicht verharmlosen, WIE nervig das sein kann. Frag mich mal, wenn jemand neben mir seinen Walkman scheppern läßt. Ich gebe es zu, ich habe um der Pointe willen etwas vereinfacht. Bemerkenswert fand ich es trotzdem, dass ich selber, die ich von Berufs wegen extrem trainiert darauf bin, mich bei Klischees und Vorurteilen zu erwischen, einen Mann zunächst für psychisch krank gehalten habe. Nicht, weil er Symptome in dieser Richtung gezeigt hätte, sondern "nur" weil er laut mit anderen Leuten geredet hat. Dieses "nur" bezog sich auf den Vergleich mit richtig "verrücktem" Verhalten, nicht darauf wie schlimm jemand das empfinden kann. Im Grunde meinte ich, dass ich einen Zusammenhang hergestellt habe, der zunächst gar nicht da ist. Und auch nicht da sein müsste.
Die Kombination von Reizoffenheit und U- Bahnfahren kenne ich auch, nicht ganz so quälend, aber immerhin doch so, dass ich nachher fix und fertig bin. Bei mir liegt das weniger an der Akustik als am Visuellen und Atmosphärischen. Wer wen anschaut und wie, und was wer wohl denkt und so weiter und so fort. Ätzend. Du hast also mein volles Mitgefühl.
Saturday, April 15. 2006 at 15:06 (Link) (Reply)
Saturday, June 10. 2006 at 03:50 (Link) (Reply)