Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Schwierige Anfänge
Einmal in der Woche haben wir eine Dienstbesprechung. Dort werden unter Anderem neue Klienten von unserem Chef vorgestellt und verteilt.
Wir vom Betreuten Einzelwohnen sind Teil der "psychiatrischen Pflichtversorgung". Das bedeutet, ähnlich wie ein Krankenhaus müssen wir alle Klienten aufnehmen, die für diese Hilfeform geeignet sind und sie brauchen. Bis alle unsere Plätze besetzt sind.
Dann gibt es manchmal Wartezeiten.
Dieses Mal habe ich einen Platz frei und bin an der Reihe. So kommt Herr Jung zu mir.
Wieder ein neues Amerika!!!!
Ich erfahre, dass Herr Jung erst 25 Jahre alt ist.
Er ist von der Uniklinik am anderen Ende der Stadt bei uns angemeldet worden.
Er war das erste Mal in der Psychiatrie, hat aber schon eine längere Drogenkarriere hinter sich, mit Alkohol und Cannabis. Zurzeit ist er noch in der Uniklinik. Das Erstgespräch soll dort stattfinden.
Unsere Erstgespräche machen wir immer zu zweit, möglichst ein Mann und eine Frau, weil Männer und Frauen unterschiedliche Sachen beobachten. Außerdem gehen immer diejenigen mit, die auch einen Platz frei haben, so dass ein neuer Klient nicht mit allzu vielen Gesichtern konfrontiert wird. Und damit er nicht alles drei Mal erzählen muss.
Roger meldet sich, er hätte Zeit und auch einen Vertretungsplatz frei, und würde mit mir zusammen da hin fahren.
Das freut mich. Roger mag ich gerne.
Ich rufe in der Uniklinik an und mache einen Termin aus.
Wir vom Betreuten Einzelwohnen sind Teil der "psychiatrischen Pflichtversorgung". Das bedeutet, ähnlich wie ein Krankenhaus müssen wir alle Klienten aufnehmen, die für diese Hilfeform geeignet sind und sie brauchen. Bis alle unsere Plätze besetzt sind.
Dann gibt es manchmal Wartezeiten.
Dieses Mal habe ich einen Platz frei und bin an der Reihe. So kommt Herr Jung zu mir.
Wieder ein neues Amerika!!!!
Ich erfahre, dass Herr Jung erst 25 Jahre alt ist.
Er ist von der Uniklinik am anderen Ende der Stadt bei uns angemeldet worden.
Er war das erste Mal in der Psychiatrie, hat aber schon eine längere Drogenkarriere hinter sich, mit Alkohol und Cannabis. Zurzeit ist er noch in der Uniklinik. Das Erstgespräch soll dort stattfinden.
Unsere Erstgespräche machen wir immer zu zweit, möglichst ein Mann und eine Frau, weil Männer und Frauen unterschiedliche Sachen beobachten. Außerdem gehen immer diejenigen mit, die auch einen Platz frei haben, so dass ein neuer Klient nicht mit allzu vielen Gesichtern konfrontiert wird. Und damit er nicht alles drei Mal erzählen muss.
Roger meldet sich, er hätte Zeit und auch einen Vertretungsplatz frei, und würde mit mir zusammen da hin fahren.
Das freut mich. Roger mag ich gerne.
Ich rufe in der Uniklinik an und mache einen Termin aus.
Das Erstgespräch findet im Büro des Kliniksozialarbeiters statt.
Während wir auf Herrn Jung warten, erzählt er uns, dass der schon einmal aus der Klinik abgehauen und zuhause in seiner Wohnung tagelang versumpft ist, aber dass er dann doch freiwillig wieder in die Klinik kam.
Die Ärzte haben bei ihm eine Psychose diagnostiziert.
Ich frage nach, ob er deswegen kifft, um die Stimmen in seinem Kopf erträglicher zu machen, oder ob er durch übermäßiges Kiffen psychotisch geworden ist. Das ist ein Unterschied, der für unsere Arbeit richtig was ausmacht.
Der Sozialarbeiter weiß es nicht genau.
Herr Jung kommt und setzt sich schüchtern auf einen Stuhl. Wir fragen ihn, was seine Probleme sind, und wozu er das Betreute Einzelwohnen haben will, und hören erst mal ganz genau zu.
Bei solchen Gesprächen versuche ich immer, mich völlig zu öffnen und vorbehaltlos alles aufzunehmen.
Ich aktiviere sämtliche Wahrnehmungskanäle, die ich habe, und lasse möglichst intensiv alles auf mich einwirken: Was jemand sagt, wie er es sagt, was zwischen den Zeilen gesagt wird, was nicht gesagt wird, wie die Stimme klingt, was sich im Gesicht und in der Körperhaltung ausdrückt, und was sonst noch spürbar wird, atmosphärisch, ohne dass man es in Worte fassen könnte.
Ich registriere auch, was bei mir an emotionalem Echo mitschwingt und welche Phantasien bei mir plötzlich auftauchen.
Alle meine Körperzellen sind mit Kennenlernen beschäftigt.
Nicht dass ich nachher alles wiedergeben könnte, was ich erfahren habe, aber es fließt in mein Handeln und Reden mit ein. Ich habe großes Vertrauen in mein Unterbewusstsein. Das kann viel mehr Informationen verarbeiten, als unser kleines Bewusstsein überhaupt mitkriegt.
Herr Jung packt eine ganze Menge auf den Tisch:
Seine Wohnung ist komplett leer bis auf eine Matratze und einen Fernseher. Das kommt daher, dass er das gesamte Geld für seine Möbel- Erstausstattung in Alkohol und Haschisch umgesetzt hat. So kann er da gar nicht wohnen. Wir sollen ihm helfen, die Wohnung einzurichten.
Der Vater würde noch mal Geld rüberrücken, und die gesetzliche Betreuerin hat Adressen von Möbellagern aufgetrieben. Herr Jung wünscht sich, dass jemand mitkommt, wenn er da hin fährt.
Dann bräuchte er nach seiner Klinikentlassung dringend einen niedergelassenen Psychiater für die ambulante ärztliche Behandlung. Darauf legt auch der Sozialarbeiter großen Wert.
Außerdem ist er gerichtlich verurteilt worden, 400 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Er hat eine Liste mit 30 Stellen, wo das möglich ist. Das muss alles organisiert werden.
Danach will er eine Ausbildung machen.
Herr Jung sagt, am meisten Angst hat er vor der Leere, wenn er alleine zuhause sitzt.
Telefon hat er nicht, weil er Schulden bei der Telecom gemacht hat. Er braucht dringend was zu tun. Hier in der Klinik ist es ihm auch schon zu langweilig.
Der Sozialarbeiter sagt, es ist geplant, dass er im Anschluss in die Tagesklinik geht.
Das ist eine Klinik, die man von morgens um Acht bis nachmittags um Vier besucht, dann geht man wieder nachhause und schläft dort. Meistens werden dort eine Menge Therapien angeboten und ein regelrechtes Trainingsprogramm.
Wann er da einen Platz kriegt, ist allerdings noch nicht raus. Die haben lange Wartelisten.
Wir sprechen Herrn Jung auf die Drogen an. Er sagt, er hat das jetzt echt kapiert, wie bescheuert das ist, er wird ganz bestimmt keine Drogen mehr nehmen. Das ist endgültig vorbei.
Wir weisen ihn darauf hin, dass das vielleicht gar nicht so einfach ist, wie er denkt. Er wirkt aber sehr entschlossen.
Na, hoffentlich, denke ich. Meine Zweifel behalte ich erst mal für mich. Er soll seine Chance haben.
Dann erklären wir Herrn Jung, was Betreutes Einzelwohnen ist und wie das ablaufen wird, wenn er bei uns landet. Bei den Problemen, die er angesprochen hat, können wir ihn gerne unterstützen, das passt genau zu unserem Aufgabenkreis.
Nur die Leere zuhause, die können wir ihm nicht abnehmen. Selbst wenn wir jeden Tag einen Hausbesuch machen würden, den Rest des Tages müsste er trotzdem alleine klar kommen. Wir können höchstens mit ihm besprechen, was er mit seiner Zeit anfangen könnte, und mit ihm gemeinsam einen Plan machen.
Einhalten müsste er ihn dann aber alleine.
Die Sache mit den Möbeln drängt am meisten, weil er schon bald nachhause entlassen werden soll. Deswegen mache ich dafür gleich mit ihm einen Termin aus.
Das ist untypisch.
Normalerweise warten wir, bis alle Anträge gestellt sind und der Vertrag unterschreiben ist. Roger spricht mich hinterher auch gleich darauf an.
Ich weiß. Ich habe das auch schon bei mir bemerkt. Er ist so jung und so hilflos. Manchmal gehen die Mutterinstinkte mit mir durch. Roger grinst und sagt: „Na, mach mal wie Du denkst. Wird schon richtig sein.“
Am nächsten Montag sitze ich verabredungsgemäß und pünktlich an der Endhaltestelle der Straßenbahn, von wo aus wir das Möbellager ansteuern wollen. Es ist zugig, es ist kalt, und es gibt nur eine unbequeme Bank aus Metallgeflecht, die sofortige Erfrierungen am Hintern verursacht. Deswegen sitze ich auf meinen Händen.
Wer nicht kommt, ist Herr Jung.
Mein Handy klingelt. Gelobt sei die Erfindung des Handys.
Der Sozialarbeiter von der Uniklinik ist dran. Er berichtet folgendes: Herr Jung hat sich am Wochenende von seinem Vater das Geld für die Möbel abgeholt. Seitdem ist er verschwunden. Er ist bis jetzt nicht in die Klinik zurückgekehrt.
Wir vereinbaren, dass ich bei ihm zuhause vorbeigehe und nachschaue, ob er da ist.
Ich fahre quer durch die ganze Stadt und klingele an der Haustür. Ich werde von Nachbarn rein gelassen, steige die Treppen hoch und klingele an seiner Wohnungstür. Nichts. Ich höre auch nichts hinter der Tür.
Tja. Mehr kann ich jetzt auch nicht tun.
Ich sage dem Sozialarbeiter Bescheid. Der wird jetzt die gesetzliche Betreuerin, die Ärzte, und den Sozialpsychiatrischen Dienst informieren.
Ich gehe zurück ins Büro und wärme mich erst mal auf.
Am nächsten Tag telefoniere ich mit der gesetzlichen Betreuerin. Es gibt noch nichts Neues von Herrn Jung.
Bei seinen Eltern ist er nicht, Freunde hat er auch nicht, draußen ist es kalt.
Er ist ganz bestimmt in seiner Wohnung.
Wir vereinbaren, dass ich abwarte, ob er den Termin, den er morgen mit mir hat, einhält. Wenn nicht, gehe ich noch mal bei seiner Wohnung vorbei.
Wenn er dann auch nicht aufmacht, würde die gesetzliche Betreuerin mit der Polizei die Tür öffnen, um nachzuschauen, ob er noch lebt. Sie macht sich langsam große Sorgen.
Wer am nächsten Tag wieder nicht kommt, ist Herr Jung. Ich mache mich auf den Weg zu seiner Wohnung.
Unten an der Haustür klingeln. Nichts. Von Nachbarn rein gelassen werden. Treppen hoch. Oben an der Wohnungstür klingeln. Nichts.
Jetzt werde ich aufdringlich.
Das macht man nicht, aber es ist immer noch besser als Türen aufbrechen.
Ich bollere mit der Faust an die Wohnungstür und rufe laut: „Herr Jung! Hallo, Herr Jung, sind Sie da? Herr Jung, Hallo, machen Sie doch mal die Tür auf!“ Sieh da, ich höre etwas rascheln. Die Tür geht auf. Gottseidank.
Herr Jung hat einen glasigen Blick und sieht sehr verlegen aus.
„Guten Tag, Herr Jung!“ sage ich. „Haben Sie ganz vergessen, dass wir einen Termin haben?“
Hat er.
„Menschenskind. Sie machen aber auch Sachen.“ Sage ich. „Die machen sich alle total Sorgen um Sie, weil Sie verschwunden sind. Die gesetzliche Betreuerin wollte schon Ihre Tür aufbrechen lassen. Wenn Sie jetzt nicht aufgemacht hätten, wär sie hier mit der Polizei angerückt. Die dachte, Sie liegen vielleicht bewusstlos hinter der Tür!“
Herr Jung wird noch verlegener. „Nee – ich – äh – es geht mir so weit gut.“ Sagt er.
„Naja.“ Sage ich. „Vielleicht sagen Sie nächstes Mal lieber Bescheid, was los ist, oder Sie melden sich wenigstens mal zwischendurch bei irgendjemandem. Was war denn?“
Herr Jung sagt, er konnte nicht widerstehen, als er das Geld in die Finger kriegte. Da sei er zuhause abgestürzt, mit Saufen und allem. Er war die ganze Zeit in der Wohnung und hat sich zugedröhnt. Es sei aber noch was übrig von dem Möbelgeld.
„Aha.“ Sage ich. „Und nun?“
Herr Jung gibt sich einen Ruck. „Also, jetzt hab ich was getrunken.“ Sagt er. „Aber das mit dem Betreuten Einzelwohnen ist mir wichtig. Ich komme morgen ins Büro, ja?“
Ich krame umständlich meinen Terminkalender aus dem Rucksack.
„Morgen ist schlecht, alles schon voll mit Terminen“ Sage ich. „Übermorgen geht. Freitag. Ich schreib’s Ihnen auf. Und nüchtern kommen, bitte. Sonst schick ich Sie gleich wieder weg. Da kenn ich gar nichts.“
Herr Jung nickt, mit roten Ohren.
Ruhe dahinten, ihr Mutterinstinkte.
Freitag früh ruft der Sozialarbeiter von der Uniklinik an. Herr Jung hat sich dort wieder eingefunden. Er will aber unbedingt den Termin mit mir einhalten.
Ich sage dem Sozialarbeiter meinen Eindruck, dass die Sucht bei Herrn Jung vielleicht doch mehr im Vordergrund steht als gedacht. Dann bräuchte er eine andere Art von Hilfe. Suchttherapie können wir nicht.
„Hm, ja, kann sein. Vielleicht.“ Sagt er.
Eine Stunde später ruft der Sozialarbeiter wieder an. Herr Jung fühlt sich heute doch noch etwas überfordert. Wir machen einen neuen Termin für Montag aus.
Ich kündige vorsichtshalber an, dass wir erst den ganzen Formalkram erledigen, bevor wir richtig einsteigen.
Am Montag steht Herr Jung pünktlich auf der Matte. Ich versuche, meine Freude darüber nicht zu sehr zu zeigen. Geht ihn gar nichts an.
Wir arbeiten fleißig und erstellen eine Rehabilitations- und Behandlungsplanung. Darin wird einvernehmlich festgelegt, welches die Ziele für unsere gemeinsame Arbeit sein sollen, wie wir dabei vorgehen wollen, und wie viel Zeit pro Woche wir voraussichtlich dafür brauchen. Das ist anstrengend, aber wir kriegen alles fertig.
Anschließend machen wir telefonisch einen Termin mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst aus. Der Hilfebedarf von Herrn Jung muss dort noch ärztlich und amtlich begutachtet werden. Frau Streng, die für Herrn Jung zuständig ist, hat übermorgen schon einen Termin frei. Gebongt. Prima.
Es kommt selten vor, dass die auf dem Amt unsere Planung ändern wollen, aber der Amtsweg muss eingehalten werden. Und wenn die zuständige Sozialarbeiterin die Hilfeplanung schon verantworten muss, dann sollte sie Herrn Jung wenigstens vom Sehen kennen. Deswegen gibt es vor jeder Befürwortung ein ausführliches Gespräch.
Danach füllt sie auf der letzten Seite ihre Stellungnahme aus und schickt alles weiter an den Sachbearbeiter auf dem Sozialamt. Unsere Arbeit wird über die Eingliederungshilfe für Behinderte finanziert. Wenn jemand längere Zeit psychisch krank ist, wird er als „seelisch behindert“ betrachtet und kann darüber gefördert werden.
Auch beim Sozialpsychiatrischen Dienst ist Herr Jung pünktlich. Frau Streng fragt ihn aus, und er muss alles noch einmal von vorne erzählen.
Mitte nächster Woche soll er entlassen werden. Am Tag danach kann er in der Tagesklinik anfangen. Es ist jetzt ein Platz frei geworden.
Herr Jung will dringend mit mir die Möbel kaufen gehen. Ich verspreche ihm, dafür unseren Kleintransporter auszuleihen.
Allerdings muss er vorher noch den Vertrag mit uns machen.
Der Betreuungsvertrag wird grundsätzlich mit unserem Chef abgeschlossen und regelt die gegenseitigen Rechte und Pflichten. Das Sozialamt will davon immer eine Kopie. Wenn Herr Jung das erledigt hat, haben wir den Bürokratiekram geschafft und könne ganz offiziell anfangen.
In der nächsten Woche kommt Herr Jung zuverlässig zur Vertragsunterzeichnung, und schiebt anschließend mit mir und unserem Bus los zum Möbellager.
Vielleicht schafft er es, denke ich. Das ist jetzt schon der dritte Termin, der klappt.
Plötzlich habe ich lauter quietschelebendiges Gezappel in mir drin.
„Reiß Dich zusammen, Frau Tüchtig!“ Sage ich streng zu mir. „Du bist hier im Dienst!“
Das ist eines der anstrengenden Dinge an meinem Beruf. Man muss sich selber echt zurücknehmen. Manchmal habe ich so einen Energieüberschuss. Wenn ich den einfach so ausleben würde auf Arbeit, würde ich meine Klienten damit glatt an die Wand drücken, oder einschüchtern, oder ihnen den ganzen Raum nehmen. Dann muss ich mich disziplinieren. Die Zeit, die ich mit Klienten verbringe, ist für sie da und nicht für mich.
Herr Jung findet fünf Möbelstücke, die ihm gefallen. Das Geld habe diesmal ich, von der gesetzlichen Betreuerin, und ich bezahle alles gleich an Ort und Stelle. Anfang nächster Woche wird geliefert.
Wir besprechen, wie das morgen mit seiner Entlassung werden wird.
Er glaubt, dass er das schafft. Er muss den Nachmittag und den Abend in der kahlen Wohnung aushalten, und am nächsten Morgen früh aufstehen, um sich bei der Tagesklinik zu melden.
Die gesetzliche Betreuerin wird mittags kommen und ihm Essensgeld bringen. Sein Vater kommt auch vorbei. Dann will er einkaufen gehen. Ich biete ihm an, abends gegen 18 Uhr auch noch mal reinzuschauen. Er ist einverstanden.
Als ich am nächsten Abend komme, bittet Herr Jung mich herein und zeigt mir seine Wohnung. Sie könnte eigentlich ganz hübsch sein, wenn Möbel darin wären.
Neben seiner Matratze stehen Bierflaschen.
Er gibt zu, dass er schon zwei getrunken hat.
Ich frage ihn, ob er das denn begrenzen kann, wenn er erst mal angefangen hat zu trinken.
Er sagt, mehr als drei wird er ganz bestimmt nicht trinken. Ehrlich. Es gehe ihm so weit gut, er werde sich jetzt einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher machen.
Ach. Ich sage nicht viel dazu.
Am Morgen darauf klingelt schon sehr früh mein Handy. Ich bin noch gar nicht im Büro. Aber Herr Jung.
Wieso ist der nicht in der Tagesklinik? Meine Kollegin reicht den Hörer an ihn weiter.
Herr Jung sagt, er hat sich das anders überlegt, er will nicht in die Tagesklinik gehen. Das ist alles Larifari, sagt er, er braucht was Richtiges. Er will jetzt sofort die gemeinnützige Arbeit in Angriff nehmen. Er will richtig ordentlich malochen und was tun. Wann ich denn ins Büro komme.
Na, also wirklich. So schnell geht das alles auch nicht. Ich habe Termine mit anderen Klienten und kann erst am späten Nachmittag. Ich versuche ihn zu überreden, in die Tagesklinik zurück zu gehen, vergeblich. Er ist entschlossen.
Na, dann also. Heute Nachmittag. Mein Herz sinkt. Wenn ich bloß Zeit hätte, jetzt gleich.
Ich rufe die Tagesklinik, die gesetzliche Betreuerin und die Uniklinik an und sage allen Bescheid.
Wer am Nachmittag nicht kommt, ist Herr Jung.
Am nächsten Tag kommt er auch nicht zu dem vereinbarten Termin.
Ich gehe bei ihm zuhause vorbei.
Unten an der Haustür klingeln. Nichts. Von Nachbarn rein gelassen werden. Treppen hoch. Oben an der Wohnungstür klingeln. Nichts.
An die Tür bollern und rufen. Nichts.
Ich seufze.
Ich schreibe einen Zettel mit einem neuen Termin und stecke ihn durch den Briefschlitz.
Ob er dann aufmacht?
Meine erste Diagnose habe ich inzwischen ziemlich klar.
Nach allem, was ich bisher von Herrn Jung erfahren habe, glaube ich, dass er in erster Linie suchtkrank ist. Er hatte noch nie vor diesem Klinikaufenthalt psychotische Symptome, aber Trinken und Kiffen tut er schon lange, und zwar durchgängig.
Wenn er von seinen Plänen erzählt, wirkt er total glaubwürdig und überzeugend. Er meint das auch wirklich so. Er hat nur noch nicht verstanden, dass die Sucht stärker ist als alle seine Pläne und Vorsätze. Er will nicht wahrhaben, dass er selber in seinem Leben schon gar nicht mehr regiert.
Das Einzige, was ich jetzt gerade für ihn tun kann, ist, irgendwie den Kontakt zu halten und ihn mit diesem dünnen Faden an die Realität zu knüpfen. Wir sind definitiv nicht die richtige Maßnahme für ihn, aber eine Alternative gibt es im Moment noch nicht.
Mein oberstes Ziel wird nun sein, ihn zu einer Suchttherapie zu motivieren und dorthin zu vermitteln. Am Besten eine WG. Offensichtlich verträgt er es nicht, alleine in seiner Wohnung zu sein.
Es ist so schade. So schade, denke ich. So ein liebenswerter junger Mann. Verdammt.
Ob ich es schaffe, den Kontakt aufrecht zu halten, wenn er wieder abstürzt? Ob er sich zu einer Suchttherapie bewegen lässt? Was passiert, wenn er seine „Arbeit statt Strafe“ nicht ableistet? Muss er dann in den Knast? Was wird aus ihm werden?
Ob ich ihn wieder abmelden muss, weil er nun endgültig abtaucht?
Wie das wohl weiter geht?
Das ist manchmal schwer auszuhalten. Wenn jemand gegen die Wand fährt, und wir stehen daneben und können es nicht verhindern. Alles, was wir dann tun können, ist, da zu bleiben, und denjenigen nicht damit alleine zu lassen.
Und erzähle mir keiner, dass das nicht harte Arbeit ist. Am anstrengendsten wird es immer gerade dann. Wenn man gar nichts tun kann. Weil es nämlich weh tut.
Während wir auf Herrn Jung warten, erzählt er uns, dass der schon einmal aus der Klinik abgehauen und zuhause in seiner Wohnung tagelang versumpft ist, aber dass er dann doch freiwillig wieder in die Klinik kam.
Die Ärzte haben bei ihm eine Psychose diagnostiziert.
Ich frage nach, ob er deswegen kifft, um die Stimmen in seinem Kopf erträglicher zu machen, oder ob er durch übermäßiges Kiffen psychotisch geworden ist. Das ist ein Unterschied, der für unsere Arbeit richtig was ausmacht.
Der Sozialarbeiter weiß es nicht genau.
Herr Jung kommt und setzt sich schüchtern auf einen Stuhl. Wir fragen ihn, was seine Probleme sind, und wozu er das Betreute Einzelwohnen haben will, und hören erst mal ganz genau zu.
Bei solchen Gesprächen versuche ich immer, mich völlig zu öffnen und vorbehaltlos alles aufzunehmen.
Ich aktiviere sämtliche Wahrnehmungskanäle, die ich habe, und lasse möglichst intensiv alles auf mich einwirken: Was jemand sagt, wie er es sagt, was zwischen den Zeilen gesagt wird, was nicht gesagt wird, wie die Stimme klingt, was sich im Gesicht und in der Körperhaltung ausdrückt, und was sonst noch spürbar wird, atmosphärisch, ohne dass man es in Worte fassen könnte.
Ich registriere auch, was bei mir an emotionalem Echo mitschwingt und welche Phantasien bei mir plötzlich auftauchen.
Alle meine Körperzellen sind mit Kennenlernen beschäftigt.
Nicht dass ich nachher alles wiedergeben könnte, was ich erfahren habe, aber es fließt in mein Handeln und Reden mit ein. Ich habe großes Vertrauen in mein Unterbewusstsein. Das kann viel mehr Informationen verarbeiten, als unser kleines Bewusstsein überhaupt mitkriegt.
Herr Jung packt eine ganze Menge auf den Tisch:
Seine Wohnung ist komplett leer bis auf eine Matratze und einen Fernseher. Das kommt daher, dass er das gesamte Geld für seine Möbel- Erstausstattung in Alkohol und Haschisch umgesetzt hat. So kann er da gar nicht wohnen. Wir sollen ihm helfen, die Wohnung einzurichten.
Der Vater würde noch mal Geld rüberrücken, und die gesetzliche Betreuerin hat Adressen von Möbellagern aufgetrieben. Herr Jung wünscht sich, dass jemand mitkommt, wenn er da hin fährt.
Dann bräuchte er nach seiner Klinikentlassung dringend einen niedergelassenen Psychiater für die ambulante ärztliche Behandlung. Darauf legt auch der Sozialarbeiter großen Wert.
Außerdem ist er gerichtlich verurteilt worden, 400 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. Er hat eine Liste mit 30 Stellen, wo das möglich ist. Das muss alles organisiert werden.
Danach will er eine Ausbildung machen.
Herr Jung sagt, am meisten Angst hat er vor der Leere, wenn er alleine zuhause sitzt.
Telefon hat er nicht, weil er Schulden bei der Telecom gemacht hat. Er braucht dringend was zu tun. Hier in der Klinik ist es ihm auch schon zu langweilig.
Der Sozialarbeiter sagt, es ist geplant, dass er im Anschluss in die Tagesklinik geht.
Das ist eine Klinik, die man von morgens um Acht bis nachmittags um Vier besucht, dann geht man wieder nachhause und schläft dort. Meistens werden dort eine Menge Therapien angeboten und ein regelrechtes Trainingsprogramm.
Wann er da einen Platz kriegt, ist allerdings noch nicht raus. Die haben lange Wartelisten.
Wir sprechen Herrn Jung auf die Drogen an. Er sagt, er hat das jetzt echt kapiert, wie bescheuert das ist, er wird ganz bestimmt keine Drogen mehr nehmen. Das ist endgültig vorbei.
Wir weisen ihn darauf hin, dass das vielleicht gar nicht so einfach ist, wie er denkt. Er wirkt aber sehr entschlossen.
Na, hoffentlich, denke ich. Meine Zweifel behalte ich erst mal für mich. Er soll seine Chance haben.
Dann erklären wir Herrn Jung, was Betreutes Einzelwohnen ist und wie das ablaufen wird, wenn er bei uns landet. Bei den Problemen, die er angesprochen hat, können wir ihn gerne unterstützen, das passt genau zu unserem Aufgabenkreis.
Nur die Leere zuhause, die können wir ihm nicht abnehmen. Selbst wenn wir jeden Tag einen Hausbesuch machen würden, den Rest des Tages müsste er trotzdem alleine klar kommen. Wir können höchstens mit ihm besprechen, was er mit seiner Zeit anfangen könnte, und mit ihm gemeinsam einen Plan machen.
Einhalten müsste er ihn dann aber alleine.
Die Sache mit den Möbeln drängt am meisten, weil er schon bald nachhause entlassen werden soll. Deswegen mache ich dafür gleich mit ihm einen Termin aus.
Das ist untypisch.
Normalerweise warten wir, bis alle Anträge gestellt sind und der Vertrag unterschreiben ist. Roger spricht mich hinterher auch gleich darauf an.
Ich weiß. Ich habe das auch schon bei mir bemerkt. Er ist so jung und so hilflos. Manchmal gehen die Mutterinstinkte mit mir durch. Roger grinst und sagt: „Na, mach mal wie Du denkst. Wird schon richtig sein.“
Am nächsten Montag sitze ich verabredungsgemäß und pünktlich an der Endhaltestelle der Straßenbahn, von wo aus wir das Möbellager ansteuern wollen. Es ist zugig, es ist kalt, und es gibt nur eine unbequeme Bank aus Metallgeflecht, die sofortige Erfrierungen am Hintern verursacht. Deswegen sitze ich auf meinen Händen.
Wer nicht kommt, ist Herr Jung.
Mein Handy klingelt. Gelobt sei die Erfindung des Handys.
Der Sozialarbeiter von der Uniklinik ist dran. Er berichtet folgendes: Herr Jung hat sich am Wochenende von seinem Vater das Geld für die Möbel abgeholt. Seitdem ist er verschwunden. Er ist bis jetzt nicht in die Klinik zurückgekehrt.
Wir vereinbaren, dass ich bei ihm zuhause vorbeigehe und nachschaue, ob er da ist.
Ich fahre quer durch die ganze Stadt und klingele an der Haustür. Ich werde von Nachbarn rein gelassen, steige die Treppen hoch und klingele an seiner Wohnungstür. Nichts. Ich höre auch nichts hinter der Tür.
Tja. Mehr kann ich jetzt auch nicht tun.
Ich sage dem Sozialarbeiter Bescheid. Der wird jetzt die gesetzliche Betreuerin, die Ärzte, und den Sozialpsychiatrischen Dienst informieren.
Ich gehe zurück ins Büro und wärme mich erst mal auf.
Am nächsten Tag telefoniere ich mit der gesetzlichen Betreuerin. Es gibt noch nichts Neues von Herrn Jung.
Bei seinen Eltern ist er nicht, Freunde hat er auch nicht, draußen ist es kalt.
Er ist ganz bestimmt in seiner Wohnung.
Wir vereinbaren, dass ich abwarte, ob er den Termin, den er morgen mit mir hat, einhält. Wenn nicht, gehe ich noch mal bei seiner Wohnung vorbei.
Wenn er dann auch nicht aufmacht, würde die gesetzliche Betreuerin mit der Polizei die Tür öffnen, um nachzuschauen, ob er noch lebt. Sie macht sich langsam große Sorgen.
Wer am nächsten Tag wieder nicht kommt, ist Herr Jung. Ich mache mich auf den Weg zu seiner Wohnung.
Unten an der Haustür klingeln. Nichts. Von Nachbarn rein gelassen werden. Treppen hoch. Oben an der Wohnungstür klingeln. Nichts.
Jetzt werde ich aufdringlich.
Das macht man nicht, aber es ist immer noch besser als Türen aufbrechen.
Ich bollere mit der Faust an die Wohnungstür und rufe laut: „Herr Jung! Hallo, Herr Jung, sind Sie da? Herr Jung, Hallo, machen Sie doch mal die Tür auf!“ Sieh da, ich höre etwas rascheln. Die Tür geht auf. Gottseidank.
Herr Jung hat einen glasigen Blick und sieht sehr verlegen aus.
„Guten Tag, Herr Jung!“ sage ich. „Haben Sie ganz vergessen, dass wir einen Termin haben?“
Hat er.
„Menschenskind. Sie machen aber auch Sachen.“ Sage ich. „Die machen sich alle total Sorgen um Sie, weil Sie verschwunden sind. Die gesetzliche Betreuerin wollte schon Ihre Tür aufbrechen lassen. Wenn Sie jetzt nicht aufgemacht hätten, wär sie hier mit der Polizei angerückt. Die dachte, Sie liegen vielleicht bewusstlos hinter der Tür!“
Herr Jung wird noch verlegener. „Nee – ich – äh – es geht mir so weit gut.“ Sagt er.
„Naja.“ Sage ich. „Vielleicht sagen Sie nächstes Mal lieber Bescheid, was los ist, oder Sie melden sich wenigstens mal zwischendurch bei irgendjemandem. Was war denn?“
Herr Jung sagt, er konnte nicht widerstehen, als er das Geld in die Finger kriegte. Da sei er zuhause abgestürzt, mit Saufen und allem. Er war die ganze Zeit in der Wohnung und hat sich zugedröhnt. Es sei aber noch was übrig von dem Möbelgeld.
„Aha.“ Sage ich. „Und nun?“
Herr Jung gibt sich einen Ruck. „Also, jetzt hab ich was getrunken.“ Sagt er. „Aber das mit dem Betreuten Einzelwohnen ist mir wichtig. Ich komme morgen ins Büro, ja?“
Ich krame umständlich meinen Terminkalender aus dem Rucksack.
„Morgen ist schlecht, alles schon voll mit Terminen“ Sage ich. „Übermorgen geht. Freitag. Ich schreib’s Ihnen auf. Und nüchtern kommen, bitte. Sonst schick ich Sie gleich wieder weg. Da kenn ich gar nichts.“
Herr Jung nickt, mit roten Ohren.
Ruhe dahinten, ihr Mutterinstinkte.
Freitag früh ruft der Sozialarbeiter von der Uniklinik an. Herr Jung hat sich dort wieder eingefunden. Er will aber unbedingt den Termin mit mir einhalten.
Ich sage dem Sozialarbeiter meinen Eindruck, dass die Sucht bei Herrn Jung vielleicht doch mehr im Vordergrund steht als gedacht. Dann bräuchte er eine andere Art von Hilfe. Suchttherapie können wir nicht.
„Hm, ja, kann sein. Vielleicht.“ Sagt er.
Eine Stunde später ruft der Sozialarbeiter wieder an. Herr Jung fühlt sich heute doch noch etwas überfordert. Wir machen einen neuen Termin für Montag aus.
Ich kündige vorsichtshalber an, dass wir erst den ganzen Formalkram erledigen, bevor wir richtig einsteigen.
Am Montag steht Herr Jung pünktlich auf der Matte. Ich versuche, meine Freude darüber nicht zu sehr zu zeigen. Geht ihn gar nichts an.
Wir arbeiten fleißig und erstellen eine Rehabilitations- und Behandlungsplanung. Darin wird einvernehmlich festgelegt, welches die Ziele für unsere gemeinsame Arbeit sein sollen, wie wir dabei vorgehen wollen, und wie viel Zeit pro Woche wir voraussichtlich dafür brauchen. Das ist anstrengend, aber wir kriegen alles fertig.
Anschließend machen wir telefonisch einen Termin mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst aus. Der Hilfebedarf von Herrn Jung muss dort noch ärztlich und amtlich begutachtet werden. Frau Streng, die für Herrn Jung zuständig ist, hat übermorgen schon einen Termin frei. Gebongt. Prima.
Es kommt selten vor, dass die auf dem Amt unsere Planung ändern wollen, aber der Amtsweg muss eingehalten werden. Und wenn die zuständige Sozialarbeiterin die Hilfeplanung schon verantworten muss, dann sollte sie Herrn Jung wenigstens vom Sehen kennen. Deswegen gibt es vor jeder Befürwortung ein ausführliches Gespräch.
Danach füllt sie auf der letzten Seite ihre Stellungnahme aus und schickt alles weiter an den Sachbearbeiter auf dem Sozialamt. Unsere Arbeit wird über die Eingliederungshilfe für Behinderte finanziert. Wenn jemand längere Zeit psychisch krank ist, wird er als „seelisch behindert“ betrachtet und kann darüber gefördert werden.
Auch beim Sozialpsychiatrischen Dienst ist Herr Jung pünktlich. Frau Streng fragt ihn aus, und er muss alles noch einmal von vorne erzählen.
Mitte nächster Woche soll er entlassen werden. Am Tag danach kann er in der Tagesklinik anfangen. Es ist jetzt ein Platz frei geworden.
Herr Jung will dringend mit mir die Möbel kaufen gehen. Ich verspreche ihm, dafür unseren Kleintransporter auszuleihen.
Allerdings muss er vorher noch den Vertrag mit uns machen.
Der Betreuungsvertrag wird grundsätzlich mit unserem Chef abgeschlossen und regelt die gegenseitigen Rechte und Pflichten. Das Sozialamt will davon immer eine Kopie. Wenn Herr Jung das erledigt hat, haben wir den Bürokratiekram geschafft und könne ganz offiziell anfangen.
In der nächsten Woche kommt Herr Jung zuverlässig zur Vertragsunterzeichnung, und schiebt anschließend mit mir und unserem Bus los zum Möbellager.
Vielleicht schafft er es, denke ich. Das ist jetzt schon der dritte Termin, der klappt.
Plötzlich habe ich lauter quietschelebendiges Gezappel in mir drin.
„Reiß Dich zusammen, Frau Tüchtig!“ Sage ich streng zu mir. „Du bist hier im Dienst!“
Das ist eines der anstrengenden Dinge an meinem Beruf. Man muss sich selber echt zurücknehmen. Manchmal habe ich so einen Energieüberschuss. Wenn ich den einfach so ausleben würde auf Arbeit, würde ich meine Klienten damit glatt an die Wand drücken, oder einschüchtern, oder ihnen den ganzen Raum nehmen. Dann muss ich mich disziplinieren. Die Zeit, die ich mit Klienten verbringe, ist für sie da und nicht für mich.
Herr Jung findet fünf Möbelstücke, die ihm gefallen. Das Geld habe diesmal ich, von der gesetzlichen Betreuerin, und ich bezahle alles gleich an Ort und Stelle. Anfang nächster Woche wird geliefert.
Wir besprechen, wie das morgen mit seiner Entlassung werden wird.
Er glaubt, dass er das schafft. Er muss den Nachmittag und den Abend in der kahlen Wohnung aushalten, und am nächsten Morgen früh aufstehen, um sich bei der Tagesklinik zu melden.
Die gesetzliche Betreuerin wird mittags kommen und ihm Essensgeld bringen. Sein Vater kommt auch vorbei. Dann will er einkaufen gehen. Ich biete ihm an, abends gegen 18 Uhr auch noch mal reinzuschauen. Er ist einverstanden.
Als ich am nächsten Abend komme, bittet Herr Jung mich herein und zeigt mir seine Wohnung. Sie könnte eigentlich ganz hübsch sein, wenn Möbel darin wären.
Neben seiner Matratze stehen Bierflaschen.
Er gibt zu, dass er schon zwei getrunken hat.
Ich frage ihn, ob er das denn begrenzen kann, wenn er erst mal angefangen hat zu trinken.
Er sagt, mehr als drei wird er ganz bestimmt nicht trinken. Ehrlich. Es gehe ihm so weit gut, er werde sich jetzt einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher machen.
Ach. Ich sage nicht viel dazu.
Am Morgen darauf klingelt schon sehr früh mein Handy. Ich bin noch gar nicht im Büro. Aber Herr Jung.
Wieso ist der nicht in der Tagesklinik? Meine Kollegin reicht den Hörer an ihn weiter.
Herr Jung sagt, er hat sich das anders überlegt, er will nicht in die Tagesklinik gehen. Das ist alles Larifari, sagt er, er braucht was Richtiges. Er will jetzt sofort die gemeinnützige Arbeit in Angriff nehmen. Er will richtig ordentlich malochen und was tun. Wann ich denn ins Büro komme.
Na, also wirklich. So schnell geht das alles auch nicht. Ich habe Termine mit anderen Klienten und kann erst am späten Nachmittag. Ich versuche ihn zu überreden, in die Tagesklinik zurück zu gehen, vergeblich. Er ist entschlossen.
Na, dann also. Heute Nachmittag. Mein Herz sinkt. Wenn ich bloß Zeit hätte, jetzt gleich.
Ich rufe die Tagesklinik, die gesetzliche Betreuerin und die Uniklinik an und sage allen Bescheid.
Wer am Nachmittag nicht kommt, ist Herr Jung.
Am nächsten Tag kommt er auch nicht zu dem vereinbarten Termin.
Ich gehe bei ihm zuhause vorbei.
Unten an der Haustür klingeln. Nichts. Von Nachbarn rein gelassen werden. Treppen hoch. Oben an der Wohnungstür klingeln. Nichts.
An die Tür bollern und rufen. Nichts.
Ich seufze.
Ich schreibe einen Zettel mit einem neuen Termin und stecke ihn durch den Briefschlitz.
Ob er dann aufmacht?
Meine erste Diagnose habe ich inzwischen ziemlich klar.
Nach allem, was ich bisher von Herrn Jung erfahren habe, glaube ich, dass er in erster Linie suchtkrank ist. Er hatte noch nie vor diesem Klinikaufenthalt psychotische Symptome, aber Trinken und Kiffen tut er schon lange, und zwar durchgängig.
Wenn er von seinen Plänen erzählt, wirkt er total glaubwürdig und überzeugend. Er meint das auch wirklich so. Er hat nur noch nicht verstanden, dass die Sucht stärker ist als alle seine Pläne und Vorsätze. Er will nicht wahrhaben, dass er selber in seinem Leben schon gar nicht mehr regiert.
Das Einzige, was ich jetzt gerade für ihn tun kann, ist, irgendwie den Kontakt zu halten und ihn mit diesem dünnen Faden an die Realität zu knüpfen. Wir sind definitiv nicht die richtige Maßnahme für ihn, aber eine Alternative gibt es im Moment noch nicht.
Mein oberstes Ziel wird nun sein, ihn zu einer Suchttherapie zu motivieren und dorthin zu vermitteln. Am Besten eine WG. Offensichtlich verträgt er es nicht, alleine in seiner Wohnung zu sein.
Es ist so schade. So schade, denke ich. So ein liebenswerter junger Mann. Verdammt.
Ob ich es schaffe, den Kontakt aufrecht zu halten, wenn er wieder abstürzt? Ob er sich zu einer Suchttherapie bewegen lässt? Was passiert, wenn er seine „Arbeit statt Strafe“ nicht ableistet? Muss er dann in den Knast? Was wird aus ihm werden?
Ob ich ihn wieder abmelden muss, weil er nun endgültig abtaucht?
Wie das wohl weiter geht?
Das ist manchmal schwer auszuhalten. Wenn jemand gegen die Wand fährt, und wir stehen daneben und können es nicht verhindern. Alles, was wir dann tun können, ist, da zu bleiben, und denjenigen nicht damit alleine zu lassen.
Und erzähle mir keiner, dass das nicht harte Arbeit ist. Am anstrengendsten wird es immer gerade dann. Wenn man gar nichts tun kann. Weil es nämlich weh tut.
Posted by Brangäne on Saturday, April 8. 2006 at 13:40 in Alles nur im Kopf, Drogen, Erfahrungsberichte
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Sunday, April 9. 2006 at 15:22 (Link) (Reply)
Sunday, April 9. 2006 at 18:05 (Reply)
LG Jo