Die Sozialarbeiterin und die Psychiatrie: Action!!!
Manche von meinen Arbeitstagen sehen so aus:
Es ist Mittag im Büro. Mein nächster Klient ist gerade zum Einzelgespräch erschienen, und ich kämpfe tapfer gegen ein Kreislauftief an.
Während ich hin und her laufe und Kaffeetassen in den Gesprächsraum trage, klingelt das Telefon.
Eine Krankenschwester von der B- Klinik Station 13 meldet sich.
Ich erfahre von ihr, dass meine Klientin Frau Wirr morgen früh in die Reha verlegt werden soll, nach Unterdorf. Das ist ungefähr eine Stunde Zugfahrt von Oberstadt entfernt.
Ich finde es sehr nett, dass sie mich darüber informiert. Wir sind an diesem Punkt so gar nicht verwöhnt. Ich habe vor einigen Wochen aus Versehen eine Tür aufbrechen lassen, während die Klientin schon lange in der Klinik war. (Diese Geschichte wird auch noch erzählt!)
Die Krankenschwester sagt, Frau Wirr hat keine Kleidung mehr, sie bräuchte bis morgen dringend ein paar Klamotten.
Ich setze mich erst mal.
„Das ist aber verdammt kurzfristig!“ sage ich zu der Schwester. „Kann Ihnen so was nicht ein bisschen früher einfallen?“ Die Schwester stottert ein bisschen und behauptet, sie hätten das auch gerade erst erfahren.
Ich könnte jetzt nachfragen.
Ich könnte meine Energie aber auch sinnvoller einsetzen.
„Ich weiß nicht, ob ich da heute noch was machen kann.“ Sage ich streng zu der Schwester. Vorsichtshalber.
Derweil rattert es schon in meinem Kopf.
Es ist Mittag im Büro. Mein nächster Klient ist gerade zum Einzelgespräch erschienen, und ich kämpfe tapfer gegen ein Kreislauftief an.
Während ich hin und her laufe und Kaffeetassen in den Gesprächsraum trage, klingelt das Telefon.
Eine Krankenschwester von der B- Klinik Station 13 meldet sich.
Ich erfahre von ihr, dass meine Klientin Frau Wirr morgen früh in die Reha verlegt werden soll, nach Unterdorf. Das ist ungefähr eine Stunde Zugfahrt von Oberstadt entfernt.
Ich finde es sehr nett, dass sie mich darüber informiert. Wir sind an diesem Punkt so gar nicht verwöhnt. Ich habe vor einigen Wochen aus Versehen eine Tür aufbrechen lassen, während die Klientin schon lange in der Klinik war. (Diese Geschichte wird auch noch erzählt!)
Die Krankenschwester sagt, Frau Wirr hat keine Kleidung mehr, sie bräuchte bis morgen dringend ein paar Klamotten.
Ich setze mich erst mal.
„Das ist aber verdammt kurzfristig!“ sage ich zu der Schwester. „Kann Ihnen so was nicht ein bisschen früher einfallen?“ Die Schwester stottert ein bisschen und behauptet, sie hätten das auch gerade erst erfahren.
Ich könnte jetzt nachfragen.
Ich könnte meine Energie aber auch sinnvoller einsetzen.
„Ich weiß nicht, ob ich da heute noch was machen kann.“ Sage ich streng zu der Schwester. Vorsichtshalber.
Derweil rattert es schon in meinem Kopf.
Irgendwo da drin sitzt eine gut geölte und viel erprobte Organisationsmaschinerie, die bereits dabei ist, in sekundenschnelle eine erste Bestandsaufnahme zu erstellen:
Ich habe jetzt ein Einzelgespräch, das ungefähr zwei Stunden dauern wird.
Danach habe ich einen Hausbesuch, der nochmals zwei Stunden in Anspruch nehmen wird.
Bis ich in die Klinik fahren kann, wird es früher Abend sein.
Ich habe einen Humpelfuß, mit dem ich nur begrenzt Fußwege zurücklegen kann, und ich bin mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs.
Die Kleider befinden sich bei dem Ex- Freund von Frau Wirr, der am hintersten Stadtrand wohnt.
Schlimme Sache.
Vorgeschlagene Lösungsmöglichkeit: Delegieren.
Ich frage meinen anwesenden Klienten, ob es für ihn okay ist, wenn ich noch einige Telefonate mache. Er reagiert sehr verständnisvoll und ist bereit, von seiner kostbaren Zeit etwas abzugeben.
Ich rufe die gesetzliche Betreuerin an, ein patentes und engagiertes Frauenzimmer mit dem Herz auf dem rechten Fleck.
Das patente und engagierte Frauenzimmer bricht in ein Lamento aus und fragt mich, ob die noch ganz dicht sind in dieser Klinik. Sie kann gerade nicht weg, und für den Rest des Tages sieht sie auch ohne diese Geschichte schon schwarz. Ich soll sie auf dem Laufenden halten. Der Rest ihrer Äußerungen fällt unbedingt unter die Schweigepflicht.
Ich rufe den Exfreund von Frau Wirr an.
Der Exfreund ist ein älterer Herr mit schwierigem Charakter, einer Gehbehinderung und einem Alkoholproblem. Schwerhörig ist er auch.
Es dauert eine Weile, bis ich ihm die Situation erklärt habe. Dann dauert es nochmals eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hat. Erschwert wird dieser Prozess außerdem durch einen Kumpel von ihm, der im Hintergrund ungemein hilfreiche Kommentare und Ratschläge zum Besten gibt.
Der Exfreund sagt, er kann auf gar keinen Fall mit Krücken und Plastiktüten die Reise quer durch Oberstadt bis zur B- Klinik bewältigen. Das leuchtet mir ein.
Immerhin könnte er bis in zwei Stunden ein paar Sachen für Frau Wirr zusammenpacken, so dass sie bei ihm abgeholt werden könnten. Na, das ist doch schon mal was.
Bleibt die Frage, wer die Sachen abholt.
Ich telefoniere mit unserer Tagesstätte einen Stock tiefer und frage, ob die nette junge Dame, die bei uns ihr Freiwilliges Soziales Jahr verbringt, eine extra Besorgung machen könnte.
Die nette junge Dame fragt bei den Kollegen nach, ob sie der Teamsitzung fernbleiben kann, die jetzt gerade beginnen soll.
Die Kollegen legen ein Veto ein, weil sie gerade eine Konzeption erarbeiten, an der die nette junge Dame maßgeblich beteiligt ist.
Ich rufe den Sozialdienst des B- Krankenhauses an. Es meldet sich eine ältere Kollegin. Die ältere Kollegin geht morgen in Urlaub und vermutet, sie muss bis heute Nacht am Schreibtisch sitzen, um bis dahin noch alles zu erledigen, was sich auf ihrem Schreibtisch türmt.
Allein die Idee, sie würde irgendwo hin fahren und irgendwelche Kleidungsstücke abholen, lässt sie in Lachen ausbrechen. Es klingt so gar nicht nach Lebensfreude.
Nein, sie mache grundsätzlich keine Hausbesuche, sagt sie. Ich schweige gnadenlos und lasse meine gesammelte Ratlosigkeit eine Weile auf sie einwirken. Man lernt ja von seinen Klienten.
Die ältere Kollegin fragt schließlich, wie groß Frau Wirr denn sei. Klein, sage ich. Die ältere Kollegin sagt, sie wird ihr im Notfall in der Kleiderkammer was raussuchen und auf Station bringen. Mehr könne sie aber wirklich nicht tun.
Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.
Ich verschiebe die ganze Angelegenheit rigoros ins Unterbewusstsein, zur weiteren Bearbeitung per Autopilot, und wende mich endlich meinem anwesenden Klienten zu, der eigentlich ein Recht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat.
Er lächelt mich an und sagt, er sei heute gut drauf. Das freut mich zu hören. Wenigstens einer von uns beiden sollte stabil sein.
Eine Stunde später unterbreche ich ihn mitten im Satz und sage laut: „Kurierdienst!“
Der Klient kennt sich aus mit seltsamen Verhaltensweisen. Er ist ein weiteres Mal verständnisvoll und lässt mich in seiner kostbaren Zeit telefonieren. Ich sage ihm, er hat bei mir echt was gut.
Vier Telefonate später habe ich es erreicht, dass ein Kurierdienst die Kleidungsstücke bei dem Exfreund abholt und ins B- Krankenhaus auf Station 13 zu Frau Wirr bringt. Gegen Rechnung an die gesetzliche Betreuerin. Es ist noch nicht mal teuer.
Das patente und engagierte Frauenzimmer erklärt mich für ein Genie, und ich bin ausgesprochen zufrieden mit mir selber.
Der anwesende Klient hat sich in der Zwischenzeit taktvoll verabschiedet.
In unserem Nachrichtenbuch finde ich eine Notiz, dass die nächste Klientin den geplanten Hausbesuch absagt. Ich schäme mich ein bisschen, weil ich so erleichtert bin.
Jetzt kann ich in aller Ruhe noch meine letzte Stulle essen, meinen Humpelfuß hochlegen und einmal tief durchatmen.
Als ich das Krankenzimmer von Frau Wirr betrete, strahlt sie mich erfreut an. Inzwischen erkennt sie mich wieder, so ungefähr. Sie hat eine lange Odyssee durch mehrere Kliniken hinter sich. Und nun soll sie also weiter in die Reha. Es ist ein Wunder, das sie diese häßliche Infektion überhaupt überlebt hat. Vor ein paar Wochen standen wir noch alle um ihr Bett, um uns für immer von ihr zu verabschieden.
Ich zahle ihr den Rest von ihrem Haushaltsgeld aus, das ich all die Wochen mit mir herumgetragen habe, und lasse mir von ihr eine Quittung unterschreiben. Es ist ein Betrag, der auf jeden Fall für mehrere Wochen Zigaretten und Taschengeld reichen wird.
Nun habe ich alles erledigt und kann in Ruhe plaudern.
Denke ich.
Frau Wirr sagt: „Ich hab Post gekriegt. Ich weiß aber nich, was das is. Keine Ahnung.“
„Post?“ Sage ich. „Hierher, ins Krankenhaus? Zeigen Sie mal her.“
Der Brief sieht amtlich aus. In dem Umschlag finde ich einen abgerissenen Karozettel, auf dem handschriftlich und mit Kugelschreiber folgendes geschrieben steht:
„Hallo Frau Wirr,
1. gute Besserung
2. Wir haben hier noch einen Briefumschlag mit
- AOK- Karte
- Personalausweis
- Kamm
- Geldbörse
Falls Sie diese Dinge benötigen oder suchen, die können hier abgeholt werden.
Gruß Schwester Haltlos. Alles Gute!“
Ich begutachte den Umschlag genauer. A- Klinik. Station 0815 von der Psychiatrie. Ich schnappe mir den Brief und gehe damit vor die Tür. Frau Wirr muss nicht hören, was ich jetzt über die Station 0815 sagen möchte.
Frau Wirr ist bereits seit sechs Wochen nicht mehr auf Station 0815. So lange liegen also die Sachen schon dort.
Die Station 0815 hat die Telefonnummer der gesetzlichen Betreuerin.
Die Station 0815 hat die Telefonnummern von sämtlichen Verwandten.
Die Station 0815 hat die Telefonnummer von uns.
Fast täglich ist irgendein Kollege von uns in der Psychiatrie, der problemlos vorbeigehen und die Sachen abholen könnte.
Die Station 0815 hat einen Sozialdienst, der erwiesenermaßen in der Lage ist, ein Telefonat zu führen, ich kann es bezeugen. Und dann schreiben die so einen Brief? An Frau Wirr, ausgerechnet?
Die Pflegekräfte hier auf der Spezial- Station sind offensichtlich auch schon mit seltsamen Verhaltensweisen vertraut. Sie lassen mich in aller Ruhe fluchen und gehen stoisch ihrer Arbeit nach.
Ich atme noch einmal tief durch und gehe ins Zimmer zurück.
Mir auf dem Fuße folgt ein junger Mann. Er zögert.
„Bin ich hier richtig bei Frau, Äh, Wirr?“ fragt er sehr, sehr behutsam.
„Ja“ sage ich. „Ach, na klar. Sie sind der Kurierdienst, nicht wahr?“ Ich strahle ihn aufmunternd an. Wenigstens eine Sache, die klappt.
Der junge Mann nickt, aber er lächelt nicht. Er schaut mir ganz kurz in die Augen, und dann wieder weg. Der ist aber schüchtern, denke ich.
„Sind Sie sicher, dass das mit der Lieferung seine Ordnung hat? Soll ich das wirklich liefern?“ Fragt der junge Mann den Nachttisch von Frau Wirr.
„Doch, das hat schon seine Richtigkeit.“ Sage ich. Was hat der denn bloß?
Der junge Mann schaut vom Nachttisch zur Bettdecke, von dort zum Vorhang, dann auf den Besuchertisch und schließlich zu mir.
„Es ist nur so.“ Sagt er. „Das sind zehn blaue Müllsäcke. Soll ich diese zehn blauen Müllsäcke jetzt wirklich hier hoch tragen?“
Das Bett der Zimmernachbarin fängt unkontrolliert an zu beben.
Frau Wirr starrt mich groß an. „Was macht DER denn schon wieder!“ sagt sie. Sie meint den Exfreund.
Mir ist gerade nicht so, ich muss mich mal schnell hinsetzen.
„Was ist denn da drin in den zehn Müllsäcken?“ Frage ich ein bisschen schwach.
„Na, Kleidung.“ Sagt der Kurier zu seinen Schuhspitzen.
Ich möchte jetzt gerne zuhause sein und mir die Decke über den Kopf ziehen. Warum nur habe ich jemals diesen Beruf ergriffen? Der Kurierdienst scharrt mit dem Fuß.
„Na, dann bringen Sie’s mal hoch.“ Sage ich gottergeben. „Der muss da was missverstanden haben. Dafür können Sie ja nichts.“
Nach und nach türmen sich Berge von blauen Müllsäcken in dem kleinen Krankenzimmer. Die Pflegekräfte äugen im Vorbeigehen neugierig ins Zimmer.
Das Nachbarbett wackelt bei jeder neuen Lieferung noch ein bisschen mehr.
Ich raufe mir die Haare und betrachte den hässlichen Brief, der vor mir liegt.
Die viel erprobte Organisationsmaschinerie rattert in mehrere Richtungen gleichzeitig.
Der Kurier ist fertig und will eine Unterschrift.
„Warten Sie mal kurz.“ Sage ich. „Haben Sie direkt im Anschluss wieder eine Tour, oder könnten Sie vielleicht noch etwas für uns besorgen?“ Er hätte Zeit.
Ich rufe die Station 0815 an.
Ich rufe die gesetzliche Betreuerin an.
Ich rufe die Kurierfirma an.
Wenige Minuten später ist der schüchterne junge Mann auf dem Weg, um den Personalausweis, die AOK- Karte, den Kamm und die Geldbörse von Frau Wirr abzuholen.
Puh Hah.
Und nun die Müllsäcke.
Vielleicht haben die Pflegekräfte eine Idee. Ich verlasse das Zimmer und mache mich auf die Suche. Komisch, grade waren hier noch welche. Seltsam. Ich gehe zurück.
Das Nachbarbett hört auf zu beben und hat eine Idee. „Du könntest doch deine Mutter anrufen! Die wohnt hier um die Ecke!“
Es scheint außerdem ein gut informiertes Nachbarbett zu sein.
Frau Wirr erklärt sich nach einigem Zögern einverstanden.
Ich rufe die Mutter an.
Die Mutter lamentiert. Die Katze ist gestorben, das ist jetzt das Allerwichtigste. „Ich hab ihr doch gesagt, sie soll sie nicht operieren lassen!“ Ereifert sich das Nachbarbett.
Die Mutter kann auf gar keinen Fall Zehn Blaue Müllsäcke in ihrer Wohnung unterstellen. Auf gar keinen Fall. Aber sie würde später noch vorbeikommen, um Auf Wiedersehen zu sagen, und sie könnte eine Reisetasche mitbringen.
Ich gehe nochmals auf die Suche nach Pflegekräften. Ein Pfleger mit blonden Locken kann nicht schnell genug um die Ecke witschen. Er betrachtet mich voller Abneigung. Nein, sie wüssten da auch keinen Rat. Es gäbe da einen Schrank, in dem man mal was unterstellen könnte, aber nur kurz, bestimmt nicht mehrere Wochen.
Verdammt, ich habe Hunger. Es ist Abend. Ich wollte schon längst zuhause sein. Ich hatte geplant...Ach, egal.
Was nun?
Ich sehe es kommen. Ich sehe es ganz deutlich auf mich zurollen. Ich werde diejenige sein, die diese verdammten Müllsäcke hier wegschaffen muss. Aber wie? Und wohin?
Ich rufe bei der gesetzlichen Betreuerin an. Sie würde mir ein Taxi spendieren, egal wohin.
Na schön.
Aber vorher muss Frau Wirr die nötige Kleidung für mehrere Wochen Reha zusammenkriegen. Und das bedeutet, jeden einzelnen blauen Müllsack aufzumachen und zu sortieren.
Ich seufze und mache mich an die Arbeit.
Jedes einzelne Teil wird rausgepult und hochgehalten, damit Frau Wirr entscheiden kann, ob sie das mithaben will oder nicht.
Frau Wirr liebt es nicht Entscheidungen zu treffen. Das Nachbarbett hat zu jedem Kleidungsstück eine ganz eigene Meinung beizusteuern. Frau Wirr schweigt unschlüssig. „Ruhe jetzt mal, dahinten!“ Sage ich schließlich energisch. „Sonst kommen wir hier nie zu Potte!“ Danach geht es besser.
Als die Mutter mit der Reisetasche kommt, sind wir fast durch.
Ich bemerke eine kleine Einkaufstüte, die bescheiden an der Ecke lehnt. „Was ist denn das?“ Frage ich Frau Wirr.
„Ach, das“ Sagt sie. „Das hat der Sozialdienst vorbeigebracht. Aus der Kleiderkammer.“
Die Tüte enthält einen Jogginganzug. Das war’s.
Frau Wirr sagt, sie möchte ihn gerne mitnehmen, als Andenken.
Während sich die Mutter mit dem Nachbarbett angeregt über die tote Katze unterhält, packe ich die Reisetasche und räume den Schrank leer. Alles ist fertig. Frau Wirr kann morgen auf Reisen gehen.
Der Pfleger freut sich sehr, dass er mir ein Taxi rufen darf, und er hilft mir sogar, neun blaue Müllsäcke in den Aufzug zu schaffen. Auch der Taxifahrer ist sehr hilfsbereit und schichtet einen Müllsack nach dem anderen in seinen Kofferraum.
Dann fahren wir endlich los. Es ist später Abend.
Der Taxifahrer räuspert sich mitfühlend. „Sie waren aber ganz schön lange in der Klinik, was?“ sagt er, so zartfühlend wie er kann.
Ich habe jetzt ein Einzelgespräch, das ungefähr zwei Stunden dauern wird.
Danach habe ich einen Hausbesuch, der nochmals zwei Stunden in Anspruch nehmen wird.
Bis ich in die Klinik fahren kann, wird es früher Abend sein.
Ich habe einen Humpelfuß, mit dem ich nur begrenzt Fußwege zurücklegen kann, und ich bin mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs.
Die Kleider befinden sich bei dem Ex- Freund von Frau Wirr, der am hintersten Stadtrand wohnt.
Schlimme Sache.
Vorgeschlagene Lösungsmöglichkeit: Delegieren.
Ich frage meinen anwesenden Klienten, ob es für ihn okay ist, wenn ich noch einige Telefonate mache. Er reagiert sehr verständnisvoll und ist bereit, von seiner kostbaren Zeit etwas abzugeben.
Ich rufe die gesetzliche Betreuerin an, ein patentes und engagiertes Frauenzimmer mit dem Herz auf dem rechten Fleck.
Das patente und engagierte Frauenzimmer bricht in ein Lamento aus und fragt mich, ob die noch ganz dicht sind in dieser Klinik. Sie kann gerade nicht weg, und für den Rest des Tages sieht sie auch ohne diese Geschichte schon schwarz. Ich soll sie auf dem Laufenden halten. Der Rest ihrer Äußerungen fällt unbedingt unter die Schweigepflicht.
Ich rufe den Exfreund von Frau Wirr an.
Der Exfreund ist ein älterer Herr mit schwierigem Charakter, einer Gehbehinderung und einem Alkoholproblem. Schwerhörig ist er auch.
Es dauert eine Weile, bis ich ihm die Situation erklärt habe. Dann dauert es nochmals eine Weile, bis er sich wieder beruhigt hat. Erschwert wird dieser Prozess außerdem durch einen Kumpel von ihm, der im Hintergrund ungemein hilfreiche Kommentare und Ratschläge zum Besten gibt.
Der Exfreund sagt, er kann auf gar keinen Fall mit Krücken und Plastiktüten die Reise quer durch Oberstadt bis zur B- Klinik bewältigen. Das leuchtet mir ein.
Immerhin könnte er bis in zwei Stunden ein paar Sachen für Frau Wirr zusammenpacken, so dass sie bei ihm abgeholt werden könnten. Na, das ist doch schon mal was.
Bleibt die Frage, wer die Sachen abholt.
Ich telefoniere mit unserer Tagesstätte einen Stock tiefer und frage, ob die nette junge Dame, die bei uns ihr Freiwilliges Soziales Jahr verbringt, eine extra Besorgung machen könnte.
Die nette junge Dame fragt bei den Kollegen nach, ob sie der Teamsitzung fernbleiben kann, die jetzt gerade beginnen soll.
Die Kollegen legen ein Veto ein, weil sie gerade eine Konzeption erarbeiten, an der die nette junge Dame maßgeblich beteiligt ist.
Ich rufe den Sozialdienst des B- Krankenhauses an. Es meldet sich eine ältere Kollegin. Die ältere Kollegin geht morgen in Urlaub und vermutet, sie muss bis heute Nacht am Schreibtisch sitzen, um bis dahin noch alles zu erledigen, was sich auf ihrem Schreibtisch türmt.
Allein die Idee, sie würde irgendwo hin fahren und irgendwelche Kleidungsstücke abholen, lässt sie in Lachen ausbrechen. Es klingt so gar nicht nach Lebensfreude.
Nein, sie mache grundsätzlich keine Hausbesuche, sagt sie. Ich schweige gnadenlos und lasse meine gesammelte Ratlosigkeit eine Weile auf sie einwirken. Man lernt ja von seinen Klienten.
Die ältere Kollegin fragt schließlich, wie groß Frau Wirr denn sei. Klein, sage ich. Die ältere Kollegin sagt, sie wird ihr im Notfall in der Kleiderkammer was raussuchen und auf Station bringen. Mehr könne sie aber wirklich nicht tun.
Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.
Ich verschiebe die ganze Angelegenheit rigoros ins Unterbewusstsein, zur weiteren Bearbeitung per Autopilot, und wende mich endlich meinem anwesenden Klienten zu, der eigentlich ein Recht auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat.
Er lächelt mich an und sagt, er sei heute gut drauf. Das freut mich zu hören. Wenigstens einer von uns beiden sollte stabil sein.
Eine Stunde später unterbreche ich ihn mitten im Satz und sage laut: „Kurierdienst!“
Der Klient kennt sich aus mit seltsamen Verhaltensweisen. Er ist ein weiteres Mal verständnisvoll und lässt mich in seiner kostbaren Zeit telefonieren. Ich sage ihm, er hat bei mir echt was gut.
Vier Telefonate später habe ich es erreicht, dass ein Kurierdienst die Kleidungsstücke bei dem Exfreund abholt und ins B- Krankenhaus auf Station 13 zu Frau Wirr bringt. Gegen Rechnung an die gesetzliche Betreuerin. Es ist noch nicht mal teuer.
Das patente und engagierte Frauenzimmer erklärt mich für ein Genie, und ich bin ausgesprochen zufrieden mit mir selber.
Der anwesende Klient hat sich in der Zwischenzeit taktvoll verabschiedet.
In unserem Nachrichtenbuch finde ich eine Notiz, dass die nächste Klientin den geplanten Hausbesuch absagt. Ich schäme mich ein bisschen, weil ich so erleichtert bin.
Jetzt kann ich in aller Ruhe noch meine letzte Stulle essen, meinen Humpelfuß hochlegen und einmal tief durchatmen.
Als ich das Krankenzimmer von Frau Wirr betrete, strahlt sie mich erfreut an. Inzwischen erkennt sie mich wieder, so ungefähr. Sie hat eine lange Odyssee durch mehrere Kliniken hinter sich. Und nun soll sie also weiter in die Reha. Es ist ein Wunder, das sie diese häßliche Infektion überhaupt überlebt hat. Vor ein paar Wochen standen wir noch alle um ihr Bett, um uns für immer von ihr zu verabschieden.
Ich zahle ihr den Rest von ihrem Haushaltsgeld aus, das ich all die Wochen mit mir herumgetragen habe, und lasse mir von ihr eine Quittung unterschreiben. Es ist ein Betrag, der auf jeden Fall für mehrere Wochen Zigaretten und Taschengeld reichen wird.
Nun habe ich alles erledigt und kann in Ruhe plaudern.
Denke ich.
Frau Wirr sagt: „Ich hab Post gekriegt. Ich weiß aber nich, was das is. Keine Ahnung.“
„Post?“ Sage ich. „Hierher, ins Krankenhaus? Zeigen Sie mal her.“
Der Brief sieht amtlich aus. In dem Umschlag finde ich einen abgerissenen Karozettel, auf dem handschriftlich und mit Kugelschreiber folgendes geschrieben steht:
„Hallo Frau Wirr,
1. gute Besserung
2. Wir haben hier noch einen Briefumschlag mit
- AOK- Karte
- Personalausweis
- Kamm
- Geldbörse
Falls Sie diese Dinge benötigen oder suchen, die können hier abgeholt werden.
Gruß Schwester Haltlos. Alles Gute!“
Ich begutachte den Umschlag genauer. A- Klinik. Station 0815 von der Psychiatrie. Ich schnappe mir den Brief und gehe damit vor die Tür. Frau Wirr muss nicht hören, was ich jetzt über die Station 0815 sagen möchte.
Frau Wirr ist bereits seit sechs Wochen nicht mehr auf Station 0815. So lange liegen also die Sachen schon dort.
Die Station 0815 hat die Telefonnummer der gesetzlichen Betreuerin.
Die Station 0815 hat die Telefonnummern von sämtlichen Verwandten.
Die Station 0815 hat die Telefonnummer von uns.
Fast täglich ist irgendein Kollege von uns in der Psychiatrie, der problemlos vorbeigehen und die Sachen abholen könnte.
Die Station 0815 hat einen Sozialdienst, der erwiesenermaßen in der Lage ist, ein Telefonat zu führen, ich kann es bezeugen. Und dann schreiben die so einen Brief? An Frau Wirr, ausgerechnet?
Die Pflegekräfte hier auf der Spezial- Station sind offensichtlich auch schon mit seltsamen Verhaltensweisen vertraut. Sie lassen mich in aller Ruhe fluchen und gehen stoisch ihrer Arbeit nach.
Ich atme noch einmal tief durch und gehe ins Zimmer zurück.
Mir auf dem Fuße folgt ein junger Mann. Er zögert.
„Bin ich hier richtig bei Frau, Äh, Wirr?“ fragt er sehr, sehr behutsam.
„Ja“ sage ich. „Ach, na klar. Sie sind der Kurierdienst, nicht wahr?“ Ich strahle ihn aufmunternd an. Wenigstens eine Sache, die klappt.
Der junge Mann nickt, aber er lächelt nicht. Er schaut mir ganz kurz in die Augen, und dann wieder weg. Der ist aber schüchtern, denke ich.
„Sind Sie sicher, dass das mit der Lieferung seine Ordnung hat? Soll ich das wirklich liefern?“ Fragt der junge Mann den Nachttisch von Frau Wirr.
„Doch, das hat schon seine Richtigkeit.“ Sage ich. Was hat der denn bloß?
Der junge Mann schaut vom Nachttisch zur Bettdecke, von dort zum Vorhang, dann auf den Besuchertisch und schließlich zu mir.
„Es ist nur so.“ Sagt er. „Das sind zehn blaue Müllsäcke. Soll ich diese zehn blauen Müllsäcke jetzt wirklich hier hoch tragen?“
Das Bett der Zimmernachbarin fängt unkontrolliert an zu beben.
Frau Wirr starrt mich groß an. „Was macht DER denn schon wieder!“ sagt sie. Sie meint den Exfreund.
Mir ist gerade nicht so, ich muss mich mal schnell hinsetzen.
„Was ist denn da drin in den zehn Müllsäcken?“ Frage ich ein bisschen schwach.
„Na, Kleidung.“ Sagt der Kurier zu seinen Schuhspitzen.
Ich möchte jetzt gerne zuhause sein und mir die Decke über den Kopf ziehen. Warum nur habe ich jemals diesen Beruf ergriffen? Der Kurierdienst scharrt mit dem Fuß.
„Na, dann bringen Sie’s mal hoch.“ Sage ich gottergeben. „Der muss da was missverstanden haben. Dafür können Sie ja nichts.“
Nach und nach türmen sich Berge von blauen Müllsäcken in dem kleinen Krankenzimmer. Die Pflegekräfte äugen im Vorbeigehen neugierig ins Zimmer.
Das Nachbarbett wackelt bei jeder neuen Lieferung noch ein bisschen mehr.
Ich raufe mir die Haare und betrachte den hässlichen Brief, der vor mir liegt.
Die viel erprobte Organisationsmaschinerie rattert in mehrere Richtungen gleichzeitig.
Der Kurier ist fertig und will eine Unterschrift.
„Warten Sie mal kurz.“ Sage ich. „Haben Sie direkt im Anschluss wieder eine Tour, oder könnten Sie vielleicht noch etwas für uns besorgen?“ Er hätte Zeit.
Ich rufe die Station 0815 an.
Ich rufe die gesetzliche Betreuerin an.
Ich rufe die Kurierfirma an.
Wenige Minuten später ist der schüchterne junge Mann auf dem Weg, um den Personalausweis, die AOK- Karte, den Kamm und die Geldbörse von Frau Wirr abzuholen.
Puh Hah.
Und nun die Müllsäcke.
Vielleicht haben die Pflegekräfte eine Idee. Ich verlasse das Zimmer und mache mich auf die Suche. Komisch, grade waren hier noch welche. Seltsam. Ich gehe zurück.
Das Nachbarbett hört auf zu beben und hat eine Idee. „Du könntest doch deine Mutter anrufen! Die wohnt hier um die Ecke!“
Es scheint außerdem ein gut informiertes Nachbarbett zu sein.
Frau Wirr erklärt sich nach einigem Zögern einverstanden.
Ich rufe die Mutter an.
Die Mutter lamentiert. Die Katze ist gestorben, das ist jetzt das Allerwichtigste. „Ich hab ihr doch gesagt, sie soll sie nicht operieren lassen!“ Ereifert sich das Nachbarbett.
Die Mutter kann auf gar keinen Fall Zehn Blaue Müllsäcke in ihrer Wohnung unterstellen. Auf gar keinen Fall. Aber sie würde später noch vorbeikommen, um Auf Wiedersehen zu sagen, und sie könnte eine Reisetasche mitbringen.
Ich gehe nochmals auf die Suche nach Pflegekräften. Ein Pfleger mit blonden Locken kann nicht schnell genug um die Ecke witschen. Er betrachtet mich voller Abneigung. Nein, sie wüssten da auch keinen Rat. Es gäbe da einen Schrank, in dem man mal was unterstellen könnte, aber nur kurz, bestimmt nicht mehrere Wochen.
Verdammt, ich habe Hunger. Es ist Abend. Ich wollte schon längst zuhause sein. Ich hatte geplant...Ach, egal.
Was nun?
Ich sehe es kommen. Ich sehe es ganz deutlich auf mich zurollen. Ich werde diejenige sein, die diese verdammten Müllsäcke hier wegschaffen muss. Aber wie? Und wohin?
Ich rufe bei der gesetzlichen Betreuerin an. Sie würde mir ein Taxi spendieren, egal wohin.
Na schön.
Aber vorher muss Frau Wirr die nötige Kleidung für mehrere Wochen Reha zusammenkriegen. Und das bedeutet, jeden einzelnen blauen Müllsack aufzumachen und zu sortieren.
Ich seufze und mache mich an die Arbeit.
Jedes einzelne Teil wird rausgepult und hochgehalten, damit Frau Wirr entscheiden kann, ob sie das mithaben will oder nicht.
Frau Wirr liebt es nicht Entscheidungen zu treffen. Das Nachbarbett hat zu jedem Kleidungsstück eine ganz eigene Meinung beizusteuern. Frau Wirr schweigt unschlüssig. „Ruhe jetzt mal, dahinten!“ Sage ich schließlich energisch. „Sonst kommen wir hier nie zu Potte!“ Danach geht es besser.
Als die Mutter mit der Reisetasche kommt, sind wir fast durch.
Ich bemerke eine kleine Einkaufstüte, die bescheiden an der Ecke lehnt. „Was ist denn das?“ Frage ich Frau Wirr.
„Ach, das“ Sagt sie. „Das hat der Sozialdienst vorbeigebracht. Aus der Kleiderkammer.“
Die Tüte enthält einen Jogginganzug. Das war’s.
Frau Wirr sagt, sie möchte ihn gerne mitnehmen, als Andenken.
Während sich die Mutter mit dem Nachbarbett angeregt über die tote Katze unterhält, packe ich die Reisetasche und räume den Schrank leer. Alles ist fertig. Frau Wirr kann morgen auf Reisen gehen.
Der Pfleger freut sich sehr, dass er mir ein Taxi rufen darf, und er hilft mir sogar, neun blaue Müllsäcke in den Aufzug zu schaffen. Auch der Taxifahrer ist sehr hilfsbereit und schichtet einen Müllsack nach dem anderen in seinen Kofferraum.
Dann fahren wir endlich los. Es ist später Abend.
Der Taxifahrer räuspert sich mitfühlend. „Sie waren aber ganz schön lange in der Klinik, was?“ sagt er, so zartfühlend wie er kann.
Posted by Brangäne on Tuesday, April 4. 2006 at 21:10 in Alles nur im Kopf, Erfahrungsberichte
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Thursday, April 6. 2006 at 18:48 (Link) (Reply)
Und ich hoffe, dass dieses Verhalten vom Krankenhauspersonal eher Ausnahmen sind.
Bis jetzt habe ich zum Glück noch nicht so ein Verhalten auf meinen Statioen erlebt, die ich besucht habe. Aber vielleicht muss ich auch noch so etwas erleben.