Die Unterkunft war klasse, und das Essen noch besser. Und bereits am ersten Tag ging es richtig zur Sache. Wir sprachen über unsere Trauer, wen wir schon mal verloren haben und wie wir damit umgegangen sind. Ich war erstaunt, wieviel
Schicksal sich hinter so einigen fröhlichen Gesichtern versteckt. Dadurch, dass wir dort übernachten konnten, blieb keiner mit seinen Problemen und Erinnerungen allein. Wir unterhielten uns an dem Abend, saßen einfach nur zusammen.
Leider Gottes hat eine Mitschülerin ihre Sorgen in
Alkohol ertränkt. Mitschülerinnen, die mit ihr spazieren waren, mussten sie davon abhalten vor ein Auto zu laufen. Alle gaben ihr gute Ratschläge (die auch irgendwie alle auf dasselbe hinaus liefen), nur annehmen wollte sie sie nicht.
Aber zurück zum Thema
Sterben. Wir haben uns bei dem Seminar Vorträge über den Umgang mit dem Tod in verschiedenen Religionen angehört, oder auch Techniken mit Trauer umzugehen. Dazu gehörte auch eine Dokumentation über den Auszubildendenberuf des Bestatters, welches seit letztem Jahr wohl ausgebildet wird.
Viele Jugendliche müssen sich nun darauf einstellen, jeden Tag mit dem Tod zu tun zu haben. Etwas, was selbst Erwachsene kaum schaffen. Und auch in unserem Beruf werden wir fast täglich mit dem Tod konfrontiert. Nur dass wir die Sterbenden bei ihrem letzten Schritt begleiten müssen.
Ein weiterer Film handelte von einer Leukämiekranken Frau und wie sie und ihre Familie mit dem drohenden Tod umgehen. Es war ein Film der ARD aus dem Ende der 80er oder Anfang der 90er. Ein wirklich sehenswerter Bericht, der gern noch einmal wiederholt werden sollte.
Ansonsten waren diese 3 Tage in Plön sehr lohnenswert. Dank des Sponsorings einer örtlichen Bank mussten wir dieses Seminar auch nicht bezahlen.
Aber damit war das Thema Sterben noch nicht beendet. Im Rechtsunterricht haben wir noch über
Sterbehilfe und Euthanasie geprochen. Und wie es so ist, wurden mal wieder riesige Lücken im Rechtssystem von Deutschland offenbart. Denn es ist schwierig für Schmerzpatienten im Notfall über Wochenenden mit Morphium oder ähnlichem versorgt zu werden, da viele Hausärzte den Schreibaufwand fürchten.
In einem Bericht des N3 (jetzt NDR) wurde über Euthanasie in den Niederlanden berichtet, die seit einiger Zeit aktive Sterbehilfe per Gesetz gestatten. Ein Arzt wurde zusammen mit seinem Patienten bei den letzten Schritten begleitet. Eine beindruckende Geschichte. Sicherlich ist es für den behandelnden Arzt immer schwierig. Er muss gegen seine Einstellung und Ethik handeln; anstatt einen Menschen zu heilen, soll er er ihn nun *umbringen*. Dabei wird der Arzt mit dem Problem auch allein gelassen. Aber für viele todkranke Menschen, die derzeit in die Schweiz fahren müssen, um würdevoll sterben zu können, würde eine solche Gesetzgebung endlich Erleichterung schaffen.
Viele mögen nun sagen, dass ein solches Gesetz Kriminalität Tür und Tor öffnet. Jedoch gibt es so viele Auflagen in den Niederlanden zu erfüllen, dass diese Gefahr eher gering ist.
Deutsche Politiker weigern sich noch bis heute dieses Gesetz auf den Weg zu bringen. Grund ist die Euthanasie während des Zweiten Weltkrieges. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Unser Land und unser Rechtssystem ist kritisch genug mit dem Thema angemessen umzugehen.
Als letztes möchte ich noch ein Fach erwähnen, welches wir auch so langsam anschneiden: Kinder. Bei dem Thema Entwicklungspsychologie kamen wir auf den Umgang mit Frühgeburten. Früher und auch noch heute ist es Usus,
Frühgeburten im Inkubator zu *verwahren*. Tests zeigen jedoch, dass Fehlentwicklungen und Behinderungen aufgrund von Frühgeburten vermeidbar sind, wenn die Frühchen ständigen Haut- und Körperkontakt zu ihrer Mutter und ihrem Vater haben. Auch einfach mit Wasser gefüllte Luftballons zeigen den Frühchen die flexiblen Grenzen wie im Mutterleib auf.
Es ist also Zeit, die Behandlung von Frühgeburten diesen Erkenntnissen anzupassen. Nicht nur, dass Eltern eine verstärkte Bindung zu ihrem Kind aufbauen können (wie auch das Kind zu den Eltern), sondern dass auch Krankenkassen durch solche Verfahren entlastet werden können. Es ist dann nicht mehr nötig hochkomplizierte Apparaturen anzuschaffen, sondern kann ganz auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen.
Nun zu etwas anderem. Da ich nun hoffentlich alles wichtige aus den letzten Monaten erzählt habe, kommt nun das, was mich in den nächsten 3 Monaten erwarten wird: mein Stationseinsatz.
Diesmal geht es auf die
Gastroenterologie. Dort wird alles mit dem Magen-Darm-Trakt behandelt, wie Erkrankungen, Krebs und auch Diabetis. Nicht ganz so mein Fachgebiet. Danach geht es auf die
Transplantologie. Darauf freue ich mich schon besonders, vor allem da seit neuestem auf den öffentlich rechtlichen Sendern dieses Thema wieder vermehrt behandelt wird. Ich glaube im Frontal-Magazin wurde neulich gesagt, dass ca. 95 % der Deutschen im Notfall gern ein Ersatzorgan haben möchten, aber lediglich ca. 12 % einen
Organspendeausweis haben. Was für eine Einstellung. Haben, aber nicht geben wollen. Vielleicht sollte Deutschland endlich das Gesetz der Österreicher übernehmen. Dort muss man einen Ausweis ausfüllen, wenn man seine Organe
nicht spenden möchte.
Was ich in meinen zwei Tagen auf der Gastro-Station so erlebt habe ist, dass man sich dort nicht wirklich kaputt macht. Da war die Traumatologie echt der Hammer dagegen. Ansonsten sehr nettes Klima, Patienten die nicht ständig klingeln müssen (sehr angenehm) und interessante Krankheitsbilder. Viele Chemotherapien laufen auf der Station, und am ersten Tag durfte ich gleich bei einer Pleurapunktion und beim Legen einer Magensonde dabei sein.
Für diejenigen, die im Medizinbereich nicht ganz so bewandert sind: Die Pleura besteht aus Lungen- und Rippenfell. Diese beiden Felle werden per Unterdruck aneinander festgehalten, so dass dadurch die Lunge zu seiner vollen Größe aufgespannt wird. Bei krankhaften Veränderungen kann sich in diesem Spalt (zwischen den beiden Fellen) vermehrt Flüssigkeit ansammeln, welche die Lunge wegdrückt und damit auch das Atmen erschwert. Diese Flüssigkeit wurde nun durch eine Punktion und Anschluss an einen Beutel (ohne Sog) abgelassen.
Bei der Magensonde ging es darum, dass am nächsten Tag eine Coloskopie anstand, in der der Darm so halbwegs „sauber“ sein sollte. Dafür muss innerhalb von ca. 20 Minuten 2 bis 3 Liter ekelhaft schmeckende Flüssigkeit getrunken werden. Da dies aber nicht immer im Magen behalten wird, kann in einem solchen Fall auch eine Magensonde gelegt werden. Dies macht die Sache nicht viel einfacher, aber scheinbar behalten die Patienten die Flüssigkeit eher im Magen, als nach dem Trinken.
Soweit so gut. Das waren erst einmal die Berichte von der Front. Ich hoffe, wir lesen uns bald wieder.
Bleibt mir gesund!
Wednesday, February 15. 2006 at 09:37 (Link) (Reply)
Thursday, February 16. 2006 at 10:51 (Reply)
Ausgehend davon, dass der Patient einen Organspendeausweis hat, aber keine Patientenverfügung, sind die Ärzte trotzdem zu allen lebensrettenden Maßnahmen verpflichtet.
Nun kann man natürlich sagen, was man nicht weiß, macht auch niemanden heiß. Aber die Ärzte müssen zu jedem Patient umfassende Nachweise an die Krankenkassen schicken, die auch überprüft werden. Von daher sehe ich wenig Gefahr des Mißbrauches.
Aber es ist natürlich jedem seine Entscheidung. Ich finde es nur fatal, wenn man selber kein Organ spenden will, dann Anrecht auf ein Spendeorgan haben möchte. Die meisten Betroffenen haben sich auch selber schon einen Organspendeausweis zugelegt, weil sie wissen, dass sie keine Organe verlangen können, wenn sie nicht selber auch welche zur Verfügung stellen nach dem Tod. Beziehungsweise wissen sie meist, was für ein Schicksal hinter so einem Organverlust liegt.
Tuesday, April 4. 2006 at 22:29 (Reply)
Danke für deine Rückmeldung!!!
Ich habe Deinen Artikel auch mit großem Interesse gelesen.
Zum Thema Euthanasie werde ich ein großes Unbehagen einfach nicht los. Es wird nämlich eh schon derart gespart, vor allem in der Pflege, dass kaum noch ein menschenwürdiges Pflegen möglich ist, einfach aus Zeitgründen. Und trotzdem ist das angeblich immer noch zu teuer, vor allem, wenn jemand alt oder schwer krank ist. So eine kleine Giftspritze ist da doch viel billiger! Viele Schwerstbehinderte, die ich kenne, haben aufgehöret, vom Sterben zu reden, als ihnen durch persönliche Assistenz zuhause ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wurde. Sterben wollen hängt auch von den Lebensumständen ab, und welche Lebensumstände schaffen wir als Gesellschaft für Schwerkranke, Behinderte, Demente Menschen? Wenn dieser Turbokapitalismus weiter um sich greift, und es sich herumspricht, dass die Giftspritze viel wirtschaftlicher ist, als eine liebevolle und aufwendige Fürsorge, wo landen wir dann wohl? Ist das Sterben dann wirklich noch so freiwillig, oder gibt es nicht doch irgendwann einen dezenten Druck in diese Richtung? Fragen über Fragen...
Was mir echt leid getan hat, ist die kurze Geschichte von der Teilnehmerin, die vor ein Auto laufen wollte. Es kann ganz schön hart sein, im Sozialen Bereich zu arbeiten, weil man nämlich unbarmherzig mit der eigenen Geschichte konfrontiert wird. Es ist auch wichtig, über sich selber Bescheid zu wissen, weil man sonst groben Unfug anrichtet, ohne es zu merken. Aber es kann einen manchmal echt über die Grenze bringen. Gerade bei solchen Themen wie Tod und Sterben, aber bei anderen auch. Ich hoffe, sie hat sich doch noch irgendwie helfen lassen...
Wednesday, April 5. 2006 at 21:25 (Reply)
Danke für Deinen netten Kommentar!!!
Ich habe gestern schon mal versucht, meinen Kommentar zu Deinem Artikel abzugeben, aber plötzlich war alles weg, und ich war total frustriert. Hoffentlich klappt es heute besser!
Ich finde Deinen Bericht total interessant. Die Geschichte mit der Teilnehmerin, die ins Auto laufen wollte, hat mir total leid getan. Es ist manchmal ganz schön hart, im Sozialen Bereich zu arbeiten, weil man so unbarmherzig auf seine eigene Geschichte gestoßen wird. Das ist auch wichtig, weil man sonst aus Versehen Unfug anrichten kann, ohne es zu merken. Aber es kann manchmal ganz schön über die Grenzen gehen. Ich hoffe, Deine Mitschülerin hat es inzwischen geschafft, Hilfe anzunehmen.
Zum Thema Euthanasie habe ich immer so ein Unbehagen, das ich einfach nicht los werde. Ich habe in meiner Arbeit so einige Schwerstbehinderte kennen gelernt, die plötzlich gar nicht mehr sterben wollten, nachdem sie zuhause persönliche Assistenz bekommen konnten und ihr Leben wieder lebenswert wurde. Sterben wollen hat so viel mit den Lebensumständen zu tun. Die Frage ist, welche Lebensumstände schaffen wir denn in unserer Gesellschaft für Kranke, behinderte, Alte, Verwirrte Menschen? Und was ist uns das wert? Das Problem ist nämlich, dass bereits jetzt dermaßen in der Pflege gespart wird, dass sie kaum noch menschenwürdig durchgeführt werden kann, aus reinem Zeitdruck. Und so eine kleine Giftspritze ist doch so viel billiger als eine jahrelange liebevolle Fürsorge, oder als eine wirklich gute Palliativmedizin. Meine Sorge sind nicht irgendwelche kriminellen Machenschaften, sondern dieser Turbo- Kapitalismus, der immer mehr um sich greift. Wenn das Sterben für die Gesellschft doch so viel besser und billiger ist, wie freiwillig ist das dann noch? Gibt es nicht doch die Gefahr, dass sanfter oder auch unsanfter Druck ausgeübt wird, diese Variante zu wählen? Und wie viel Energie wird dann noch in die Palliativmedizin z.B. investiert?
Fragen über Fragen...