Es war eine Begegnung der besonderen Art... vielleicht ja auch der Dritten.
Ich hatte zugesagt, einen guten Freund zur Niederlassung der Barmer Ersatzkasse zu begleiten, zu der man ihn - quasi - hinzitiert hatte. (Aber natürlich meint man das alles nur nett.) Besagter Freund steht kurz vor einer geschlechtsangleichenden Operation, oder würde gerne kurz davor stehen.
Die Gutachten, die Vater Staat zur Vornamensä¤nderung benötigt, sind erstellt, ein Alltagstest erfolgt seit 5 (sic!) Jahren, eine Hormontherapie seit 3 Jahren. Sein Geburtsgeschlecht ist für jemanden, der ihm gegenübersteht schon seit geraumer Zeit nicht mehr zu erkennen, es sei denn, man beginnt an Stellen zu suchen, wo neugierige Nasen nichts verloren haben. Und dieses Manko sollte die fällige OP ein für alle Mal beseitigen.
Doch ist es eine Sache, den Staat mitsamt seinem bürokratischen Apparat zu überzeugen und eine andere, das selbe bei einer Krankenkasse zu tun, die ihre
Drachenpranke auf dem Geldtopf stehen hat, aus dem die OP finanziert werden muß.
Wir kamen also dort an und wurden von einer Sachbearbeiterin abgeholt, auf deren Lätzchen schon deutlich 'Ich habe hier keine Entscheidungen zu treffen, schon gar keine wichtigen.' zu lesen war und zu ihrem Chef, dem Chef der Niederlassung, gebracht...
Als - lediglich - seelisch und moralische Unterstützung sowie Beobachterin, kam ich als letzte den Gang entlang auf den Chef zu. Was diesen nicht daran hinderte, direkt mir die Hand zu schütteln und seinen wahren Kunden komplett zu übersehen. In mein sprachloses Erstaunen hinein ergriff mein Freund die Hand des Mannes und schüttelte sie mit einem deutlichen "Guten Tag, mein Name ist ...."
Ausgelöst wurde das Mißverständnis natürlich mit von der Tatsache, dass im Behördenverkehr immer noch der weibliche Geburtsname verwendet wird.. verwendet werden muß, da Behörden für solche Feinheiten der menschlichen Psyche natürlich taub sind.
Dennoch darf man sich fragen, welche Vorstellung dieser Herr von Transsexuellen hat. Wahrscheinlich keine oder solche, die aus Travestieshows stammen. Schlechten Travestieshows.
Glücklich und ohne weitere Verwechslungen im Besprechungsraum angekommen, durften wir uns einige Minuten Gewäsch anhören, dass man ja nicht bösen Willens sei, das man ja auf seiner Seite stünde, dass es aber Vorschriften gäbe. Blah, blah, blah.
Uns wurde ein Schrieb vorgelegt, in dem die wichtigsten Eckdaten standen an die sich die Krankenkasse halten muß? sollte? will?
Es handelte sich um eine schlechte Kopie, auf der so ziemlich alle wichtigen Daten geschwärzt worden waren. Zum Beispiel wann diese Richtlinie in Kraft trat. Das Schreiben hätte auch gut zehn Jahre alt sein können ohne das wir das hätten verifizieren können. Dinge, die an sich in mehrfacher Ausführung schon geliefert worden waren. Zumindest, wenn vier Ärzten und einer Gutachterin mit insgesamt über einem halben Jahrhundert Erfahrung in dem Thema Glauben schenken darf. Kann. Will..
Darauf wurden Dinge gefordert wie fachärztliche Gutachten, Hormonstatus und so weiter und so fort.
Interessanterweise fand sich dort auch der Passus
"...aus gegebenem Anlass reichen die Gutachten zu Vornamensänderung nicht aus, um die Operation zu genehmigen..."
Ja, warum eigentlich nicht? Eine Quelle die man dazu hätte konsultieren können war nicht angegeben.
Welche Sicherheit braucht eine Krankenkasse noch, die sogar das Sicherheits- und Reglementierungsbedürfnis unseres Staates übertrifft?
Mit Sätzen wie: "Ich glaube auch nicht, das sie die Vorraussetzungen liefern können.." ging es in dem netten Gespräch weiter.
Es wurde darauf herumgeritten, dass er sich nicht über ein Jahr in einer Psychotherapie mit wöchentlichen - ich wiederhole: wöchentlichen - Terminen befindet. Unwesentlich ist, dass er seine gesamte Lebensgeschichte zwei Gutachtern herbeten musste, und das eine Psychotherapie für ihn selbst gar nicht nötig ist, da die Zeit der (eigenen) Unsicherheit lange vorbei ist. Doch für die liebe Krankenkasse muß erst einmal erschöpfend, am besten tiefenpsychologisch geklärt werden, ob es nicht vielleicht doch nur alles daran liegt, dass der Vater ihm als kleines Kind mal in die Milch gespuckt hat...
Ein paar bissige Bemerkungen meinerseits ("Sie wollen sich also ganz, ganz sicher sein, dass er sich ganz, ganz sicher ist..") wurden management-mässig geschickt mit Sprüchen wie 'Das tut mir jetzt aber auch richtig weh, dass sie so agressiv sind..' gekontert.
Im Laufe des Gesprächs war dann immer weniger die Rede von einer Psychotherapie, da wir uns auch immer wieder darauf beriefen dass dies zwar Richtlinien sind, aber keine gesetzlich oder sonstwie vorgeschriebenen Maߟnahmen. Schließlich einigte man sich auf ein weiteres Gutachten, das ohnehin in Arbeit ist und einem medizinischen Befund inklusive Hormonstatus.
Nun noch jovialer werdend wurde das unbürokratische Umschreiben der Versichertenkarte auf den neuen Namen zugesichert (plötzlich, nachdem seit Monaten nicht auf die Gutachter-unterstützte Bitte geantwortet worden war; kost ja auch nix) und dann begannen meine Ohren zu klingeln, während der Chef uns über solch neuartige Operationen wie dem 'Stomach Ring' sein Leid klagte und um unser Verständnis bat, dass sie ja sicher sein müssten dass es sich weder um eine kurzfristige Idee, noch um eine quasi Modeerscheinung oder kosmetische Behandlung handelte.
Da kann ich nur sagen: Setzen, sechs. Transsexualität nicht begriffen. Zudem bewies er damit noch einmal, daß ihm entweder die bisherigen Atteste und Schreiben von Ärzten und Gutachtern egal sein mußten, oder für ihn fünf Jahre Leben schlichtweg nicht zählten.
Lifestyle, lieber Herr Barmer Niederlassungs-Chef, ist etwas anderes als im falschen Körper geboren worden zu sein.
Monday, April 25. 2005 at 21:18 (Reply)
Warum fragen die nicht mal jemanden der davon Ahnung hat? In den Gelben Seiten sollte doch wer zu finden sein *zyn*.
Ein Trauerspiel in Papier und Person.
Monday, April 25. 2005 at 23:53 (Reply)
Thursday, April 28. 2005 at 17:51 (Link) (Reply)
Thursday, April 28. 2005 at 17:59 (Link) (Reply)
Dennoch sollte man meinen, das wir so langsam im 21. Jahrhundert angekommen wären und die Spielarten menschlichen Lebens einfach annehmen. Nur von der Star Trek Vision des entwickelten, toleranten Menschen, sind wir leider noch eine oder zwei Generationen entfernt. Oder noch ein paar Generationen mehr, wenn man sich so die momentanen Rückschritte ansieht.
Sunday, May 1. 2005 at 11:31 (Reply)
"TSG-Gutachten zur Vornamensänderung sind keine ausreichende Grundlage für eine Operationsindikation, es sei denn, sie enthalten dazu ausdrücklich zusätzliche Ausführungen."
Beier, Bosinski, Hartmann, Loewit: Sexualmedizin, Urban & Fischer München, Jena 2001, Seite 309:
"Ein Gutachten zur Vornamensänderung gem. § 1 TSG ist nicht automatisch eine Indikation zur Einleitung körperverändernder Behandlungsmaßnahmen!"
Friday, June 3. 2005 at 15:34 (Reply)
Aber zum Einen kann sich jeder bei weitem genauer informieren als durch ein paar Sätze aus Lehrbüchern. Z.B. die mit von Dr. Bonsinsky verfaßten Standards der Behandlung wären ein guter Anfang.
Natürlich aber danke für die grundsätzlichen Hinweise.
Zum Anderen ist genau dieses anonyme Verstecken hinter ein paar 'dahingeklatschten' auszugsweisen Lehrsätzen genau jenes Verhalten, wie es offensichtlich in dem obigen Artikel beschrieben wurde. Fern von jeder Realität und vor allem jedem tatsächlichen Befassen und Auseinandersetzen mit dem jeweiligen Fall.
Traurig und nicht gerade hilfreich für den Patienten und damit auch die Allgemeinheit.