Andrea M, 29 (Name geändert), geht mit Überlastungsschmerzen im rechten Handgelenk zum Arzt. Andrea M. arbeitet als Sekretärin an PC und Schreibmaschine, die Diagnose ist also schnell gestellt:
Sehnenscheidentzündung, die deutsche Antwort auf RSI (repetetive strain injury). "Da machen wir einen Zinkleimverband und Sie schonen das Gelenk." Gesagt, getan.
Ein
Zinkleimverband ist so etwas wie die Vorstufe zum Gips und insbesondere bei Arthrose ein angezeigtes Behandlungsmittel.
Es geht eine Woche ins Land. Es geht eine weitere Woche ins Land. Mit Ausnahme der Tatsache, dass Andrea M. ziemlich genervt ist, da sie mit dem Verband schlecht schlafen und noch schwieriger duschen kann, verändert sich nichts. Das Handgelenk tut nach wie vor höllisch weh. Der Arzt vermutet, die Patientin habe das Gelenk "heimlich" belastet. Fehlanzeige. Zwei weitere Wochen mit frischem Zinkleimverband vergehen, der Arbeitgeber von Andrea M. ist mittlerweile schwer genervt und versteht nicht, wieso das so lange dauert. Der Arzt beschließt, nun sei es
Zeit für den Gips.
Es folgen zwei Wochen mit einem eingegipsten Arm und Andrea M. ist froh, beidhändig veranlagt zu sein, da der Gips die Hand von den Fingerspitzen bis zum Ellbogen lahmlegt. Nach den beiden Wochen kommt der Gips ab. Die Schmerzen sind immer noch da. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, erklärt der Mediziner Andrea M. für "geheilt" und verordnet ihr Physiotherapie bzw. Krankengymnastik.
Folgsam - sie möchte ihren Job behalten - tappt Andrea M. mit schmerzendem Arm zur Arbeit und des Abends in eine physiotherapeutische Praixs. Die Therapeutin, die ihre Behandlung an diesem Tag übernimmt, ist Spezialistin für
Tuina, eine chinesische Heilmassage. Sie fragt Andrea M., ob sie mit einer entsprechenden Akupressurmassage für den Anfang einverstanden ist. Andrea M. bejaht. Die Patientin legt sich auf die Massageliege und springt laut schreiend beinahe wieder auf, als ihre Physiotherapeutin beginnt, am Arm einen Druckpunkt zu berühren, so intensiv ist der Schmerz.
"Können Sie das nicht
etwas vorsichtiger machen?" Die Therapeutin bleibt ganz gelassen und demonstriert Andrea M. den Massagegriff am gesunden Arm - ein harmloser, milder Druck.
Die erstaunte Patientin legt sich wieder hin. Bei einem erneuten Fingerdruck berichtet sie, dass das davon ausgelöste Gefühl
'bis zum Ohr ziehe'. "Ahja?" bemerkt die Therapeutin freundlich und neugierig und setzt einen weiteren Griff an. "Und das?"
Mit insgesamt 4 Druckpunktgriffen kreist die Tuina-Masseurin das Problem ein, zwischendrin saß Andrea M. dafür aufrecht.
"Legen Sie sich doch nochmal hin." Andrea M. tut, wie ihr geheißen. Die Therapeutin umfaßt ihren Kopf und bringt mit einem sanften Rucken und einem leisen Knirschen zwei Wirbel in der Halswirbelsäule wieder an ihre angestammte Position. Andrea M. berichtet, das sie sich den Rest des Tages fühlt, als ob sie eine Flasche Sekt getrunken hätte.
Die Schmerzen im Arm sind weg. Ein für alle Mal, mit nur einer Behandlung.
Diagnose: Sehnenscheidentzündung... und 6 Wochen Arm im Verband.
Saturday, August 13. 2005 at 09:35 (Reply)
Aber es kann natürlich auch daran liegen, dass ich auch auf der Neurochirurgie viele Fälle gesehen habe, wo schmerzen in Extremitäten vorlagen, die Ursache aber bei einem Bandscheibenvorfall oder einer SKS zu suchen war.
Manchmal hab ich das Gefühl, dass die heutigen Haus- oder Allgemeinärzte sich den Patienten nicht mehr so genau ansehen, wie sie es sollten, oder einfach der Wissensstand fehlt. Ist da vielleicht ein Loch in der Ausbildung/Studium, welches endlich mal geflickt werden sollte?
Selbst auf der Neurochirurgie habe ich Patienten immer geraten, dass sie zu einem Spezialisten für ihr Gebiet gehen sollten, und wenn auch der keine Heilung bringt, sich in einer Klinik melden sollen. Denn diese Ärzte sehen meist mehr Krankheiten und Verletzungen, um auf den vorhandenen Schmerz adäquat zu reagieren.