Mammografie-Screening
Mit wachsenden Magenschmerzen las ich Anfang Juli, dass in Deutschland gerade groß ein neues Mammografie-Screening-Programm zur Früherkennung von Brustkrebs gestartet wurde.
Anscheinend sind die deutschen Frauen nicht wirklich wild auf ein Brustkrebs-Screening im großen Maßstab. So schrieb n-tv am 25. Juli:
Eine Screening-Teilnahme von 40 % würde ich nicht unbedingt als schlecht bezeichnen... wie viele Leute gehen wohl regelmässig zum Zahnarzt?
Übrigens stirbt nicht jede 10. an Brustkrebs, sondern bei den Frauen über 60 sind etwa 0,7% der Todesfälle eine Folge von Brustkrebs. Und ob diese Untersuchungen tatsächlich, wie hier kolportiert wird, "medizinisch notwendig" sind, darf ernstlich bezweifelt werden. Medizinisch notwendig sind Röntgenuntersuchungen bei akuten Verletzungen, insbesondere des Bewegungsapparats, oder beim Zahnarzt zur Untersuchung entzündeter Zahnwurzeln und Fehlstellungen.
Lexis-Nexis meldet:
Anscheinend sind die deutschen Frauen nicht wirklich wild auf ein Brustkrebs-Screening im großen Maßstab. So schrieb n-tv am 25. Juli:
Brustkrebs bei jeder Zehnten - Frauen meiden Vorsorge
Weniger als die Hälfte der Frauen gehen zur Brustkrebs-Vorsorgeuntersuchung. So nutzen gerade mal 40 Prozent der Frauen die medizinisch notwendigen Untersuchungen. Dabei ist die Vorsorge der einzige Weg, den Krebs rechtzeitig zu erkennen und zu heilen. Die Quote der brusterhaltenden Operationen liegt mittlerweile bei über 80 Prozent. <...> Doch aufgrund der geringen Zahl der die Vorsorge in Anspruch nehmenden Frauen, sterben jeden Tag in Deutschland rund 50 Frauen an Brustkrebs. Und jede Zehnte ist hier zu Lande von der Erkrankung betroffen.
Eine Screening-Teilnahme von 40 % würde ich nicht unbedingt als schlecht bezeichnen... wie viele Leute gehen wohl regelmässig zum Zahnarzt?
Übrigens stirbt nicht jede 10. an Brustkrebs, sondern bei den Frauen über 60 sind etwa 0,7% der Todesfälle eine Folge von Brustkrebs. Und ob diese Untersuchungen tatsächlich, wie hier kolportiert wird, "medizinisch notwendig" sind, darf ernstlich bezweifelt werden. Medizinisch notwendig sind Röntgenuntersuchungen bei akuten Verletzungen, insbesondere des Bewegungsapparats, oder beim Zahnarzt zur Untersuchung entzündeter Zahnwurzeln und Fehlstellungen.
Lexis-Nexis meldet:
Beim Mammographie-Screening werden Frauen zwischen 50 und 69 Jahren durch die Kassenärztliche Vereinigung oder das Gesundheitsamt aufgefordert, an der kostenlosen Untersuchung teilzunehmen. Sie wird nicht vom Gynäkologen vor Ort, sondern in einem Screening-Zentrum von einem speziell qualifizierten Radiologen vorgenommen. In Deutschland soll es in absehbarer Zeit 80 bis 90 solcher Zentren geben.
In Bayern wird das Screening bereits nahezu flächendeckend angeboten. In Mecklenburg-Vorpommern, Teilen Nordrhein-Westfalens und der Region Bremen ist noch in diesem Jahr mit der Einführung zu rechnen. Frauen, die wissen möchten, wann das Screening in ihrer Region angeboten wird, können sich an ihre Krankenkasse wenden.
Begleitend wird in der Presse das Hohelied der Vorsorgeuntersuchung gesungen, beispielhaft hier in der Wormser Zeitung:
Seit dem 1. Juli gibt es eine neue Hotline des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, um Frauen zu informieren und ihre Fragen zum Thema zu beantworten: Info-Telefon von Montag bis Freitag, 8.00 bis 20.00 Uhr unter Tel.: 0 62 21/42 41 42. Bei besetzten Leitungen können Anrufer ihre Telefonnummer hinterlassen.
Klingt alles ganz prima. Warum habe ich also Magenschmerzen?
Vielleicht, weil hier völlig unreflektiert etwas empfohlen wird, das angeblich eine aktive Möglichkeit darstellt, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, ja sogar denen, die nicht teilnehmen, der mahnende Zeigefinger hingehalten wird - und gleichzeitig denen, die die Entscheidung eigentlich treffen müssen und die vor allem mit den Folgen leben müssen, nämlich den Patienten (aber auch vielen Ärzten), wesentliches Wissen für diese Entscheidung fehlt und zum Teil bewußt vorenthalten wird. So sind Mammografie-Screenings zwar u.U. durchaus sinnvoll für Frauen mit einer entsprechenden Familienanamnese, aber das gilt nicht gleichermassen für alle Frauen.
Parallel zu den Meldungen über die Einrichtungen einer bundesweiten Info-Hotline Anfang Juli war quer durch die Fachblätter und reguläre Presse zu lesen, dass selbst kleinste Dosen von Röntgenstrahlung als karzinogen einzustufen sind, beispielsweise hier in der WELT:
Anders gesagt, das Mammographie-Screening, das Krebs früherkennen soll, kann ihn genauso gut verursachen. Und da kommt dann passenderweise im Juli eine Studie ans Licht der Öffentlichkeit, die die nicht neue Frage zur Effizienz von Mammografie-Screenings ein weiteres Mal aufrollt:
Joann G. Elmore, Lisa M. Reisch, Mary B. Barton, William E. Barlow, Sharon Rolnick, Emily L. Harris, Lisa J. Herrinton, Ann M. Geiger, R. Kevin Beverly, Gene Hart, Onchee Yu, Sarah M. Greene, Noel S. Weiss, Suzanne W. Fletcher. Efficacy of Breast Cancer Screening in the Community According to Risk Level. Journal of the National Cancer Institute 2005; 97: 1035-1043.
Die wesentlichen Ergebnise der Studie: Das Mammographie-Screening führt effektiv nicht zur besseren Früherkennung und Verhinderung von letalen Brustkrebs-Varianten, sondern erhöht sogar die Krebswahrscheinlichkeit, wenn auch nicht signifikant.
Ob eine Frau zum Brustkrebs-Screening geht, sollte sie sich sehr genau überlegen. Auf der Habenseite steht besonders für Frauen mit einer entsprechenden genetischen Vorbelastung, dass möglicherweise ein Tumor rechtzeitig erkannt und behandelt werden kann. Aber es gibt auch gute Gründe, nicht zum Screening zu gehen, die die Befürworter gern für sich behalten.
Schon 2003 hat sich die ZEIT des Themas ausführlich angenommen. Die Kurzfassung: Der uneingeschränkte Nutzen der Krebsvorsorge ist ein von Interessenverbänden, Politikern und Medizinern gepflegter Mythos. Viele Verfahren der Früherkennung sind fehlerhaft, die Folgen aus Fehldiagnosen und vorschnell ausgeführten Operationen gravierend - die Früherkennung zieht eine Lawine von oft unnötigen Eingriffen und Therapien nach sich, die den Patienten unter Umständen sehr viel mehr schaden als nützen.
Insofern bleibt die Frage Mammografie oder nicht eine höchst individuelle Abwägungssache, stattdessen wird sie zum Politikum ("Wir sorgen mehr für die Gesundheit von Frauen") gemacht...
Exzellente weiterführende Links gibt es ebenfalls begleitend zum ZEIT-Artikel.
Diagnose Brustkrebs - Vorsorge rettet Leben
Edda Lohmeier macht Frauen in Selbsthilfegruppen Mut / Aktionstag am Brustzentrum der Mainzer Uniklinik informiert
-- "Heute muss keine Frau mehr an Brustkrebs sterben, wenn sie rechtzeitig zum Arzt geht."
Seit dem 1. Juli gibt es eine neue Hotline des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, um Frauen zu informieren und ihre Fragen zum Thema zu beantworten: Info-Telefon von Montag bis Freitag, 8.00 bis 20.00 Uhr unter Tel.: 0 62 21/42 41 42. Bei besetzten Leitungen können Anrufer ihre Telefonnummer hinterlassen.
Klingt alles ganz prima. Warum habe ich also Magenschmerzen?
Vielleicht, weil hier völlig unreflektiert etwas empfohlen wird, das angeblich eine aktive Möglichkeit darstellt, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, ja sogar denen, die nicht teilnehmen, der mahnende Zeigefinger hingehalten wird - und gleichzeitig denen, die die Entscheidung eigentlich treffen müssen und die vor allem mit den Folgen leben müssen, nämlich den Patienten (aber auch vielen Ärzten), wesentliches Wissen für diese Entscheidung fehlt und zum Teil bewußt vorenthalten wird. So sind Mammografie-Screenings zwar u.U. durchaus sinnvoll für Frauen mit einer entsprechenden Familienanamnese, aber das gilt nicht gleichermassen für alle Frauen.
Subsequent observational studies have found that the positive predictive value of mammography increases with age and is highest among older women and among women with a family history of breast cancer.
Parallel zu den Meldungen über die Einrichtungen einer bundesweiten Info-Hotline Anfang Juli war quer durch die Fachblätter und reguläre Presse zu lesen, dass selbst kleinste Dosen von Röntgenstrahlung als karzinogen einzustufen sind, beispielsweise hier in der WELT:
"Es gibt keine Schwelle, unterhalb der ionisierende Strahlung harmlos oder sogar förderlich ist", sagte Richard Monson, Epidemiologe an der Harvard-Universität in Boston, jetzt bei der Vorstellung des BEIR-VII-Berichts in Washington. Vielmehr bestehe zwischen Strahlenbelastung und Krebsrisiko offenbar ein weitgehend linearer Zusammenhang. Jede noch so kleine Dosis von radioaktiver oder Röntgenstrahlung erhöhe entsprechend das Risiko, an Krebs zu erkranken - so lautete das Fazit der Strahlenexperten von der BEIR-Kommission.
Anders gesagt, das Mammographie-Screening, das Krebs früherkennen soll, kann ihn genauso gut verursachen. Und da kommt dann passenderweise im Juli eine Studie ans Licht der Öffentlichkeit, die die nicht neue Frage zur Effizienz von Mammografie-Screenings ein weiteres Mal aufrollt:
Joann G. Elmore, Lisa M. Reisch, Mary B. Barton, William E. Barlow, Sharon Rolnick, Emily L. Harris, Lisa J. Herrinton, Ann M. Geiger, R. Kevin Beverly, Gene Hart, Onchee Yu, Sarah M. Greene, Noel S. Weiss, Suzanne W. Fletcher. Efficacy of Breast Cancer Screening in the Community According to Risk Level. Journal of the National Cancer Institute 2005; 97: 1035-1043.
Die wesentlichen Ergebnise der Studie: Das Mammographie-Screening führt effektiv nicht zur besseren Früherkennung und Verhinderung von letalen Brustkrebs-Varianten, sondern erhöht sogar die Krebswahrscheinlichkeit, wenn auch nicht signifikant.
Ob eine Frau zum Brustkrebs-Screening geht, sollte sie sich sehr genau überlegen. Auf der Habenseite steht besonders für Frauen mit einer entsprechenden genetischen Vorbelastung, dass möglicherweise ein Tumor rechtzeitig erkannt und behandelt werden kann. Aber es gibt auch gute Gründe, nicht zum Screening zu gehen, die die Befürworter gern für sich behalten.
Schon 2003 hat sich die ZEIT des Themas ausführlich angenommen. Die Kurzfassung: Der uneingeschränkte Nutzen der Krebsvorsorge ist ein von Interessenverbänden, Politikern und Medizinern gepflegter Mythos. Viele Verfahren der Früherkennung sind fehlerhaft, die Folgen aus Fehldiagnosen und vorschnell ausgeführten Operationen gravierend - die Früherkennung zieht eine Lawine von oft unnötigen Eingriffen und Therapien nach sich, die den Patienten unter Umständen sehr viel mehr schaden als nützen.
"Die meisten Überlebenden hätten ihren Krebs auch überlebt, wenn sie nicht an der Früherkennung teilgenommen hätten. Ihr Tumor wäre auch noch heilbar gewesen, wenn die Patienten ihn Jahre später durch Zufall selbst gefunden hätten. Doch das ist harmlos im Vergleich zu dem, was Patienten erdulden, bei denen ein Tumor gefunden wird, der so langsam wächst, dass sie ihn nie bemerkt hätten. Auch diese Patienten fühlen sich durch Früherkennung gerettet, doch in Wahrheit hat sie die Teilnahme an der Früherkennung in eine Krise gestürzt und ihnen das Stigma Krebs angeheftet. Sie sind diejenigen, die durch die Teilnahme an der Krebs-Früherkennung den größten Schaden haben. Früherkennung hat ihre Gesundheit nicht erhalten oder verbessert, sondern manchmal unwiederbringlich zerstört."
Insofern bleibt die Frage Mammografie oder nicht eine höchst individuelle Abwägungssache, stattdessen wird sie zum Politikum ("Wir sorgen mehr für die Gesundheit von Frauen") gemacht...
Exzellente weiterführende Links gibt es ebenfalls begleitend zum ZEIT-Artikel.
Posted by Ishtar on Sunday, July 31. 2005 at 09:02 in Gesundheitspolitik
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